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Die „Was-wäre-wenn“-Frage quält das Publikum

Martina Struppek, Hans-Werner Leupelt, Mattias Schamberger, Moritz Dürr und Andreas Vögler (von links). Foto: Beinhorn/oh

Ferdinand von Schirachs „Terror“ hatte Premiere im Kleinen Haus – Besucher müssen Gewissensfragen entscheiden.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 30.01.2016.

Braunschweig. Die berühmte Stecknadel wäre zu hören gewesen – so still und angespannt folgte das Publikum der Premiere von „Terror“ im Kleinen Haus.

Ferdinand von Schirachs erstes Theaterstück führt an den Abgrund, der hier in Flughöhe liegt: Ein Lufthansa-Airbus ist gekidnappt worden, der Entführer droht mit dem Absturz in die voll besetzte Allianz-Arena. Kampfflieger Lars Koch soll die Maschine zur Abkehr oder Landung bewegen, das gelingt nicht. Lars Koch schießt. Er tötet 164 Menschen, um 70 000 zu retten.

„Mord“ – sagt die Staatsanwältin (Martina Struppek), die in der Braunschweiger Inszenierung durch ihren brillanten Auftritt sicher nicht unschuldig ist am letztlichen Schuldspruch des Publikums. Denn am Ende fällt jeder im Saal sein Urteil per Stimmzettel.

Struppek argumentiert in der kühlen Struktur der Gesetzes-Logik; das Bundesverfassungsgericht hatte 2006 einen zentralen Passus des Luftsicherheitsgesetzes aufgehoben: Danach widerspricht es der Verfassung, unschuldige Menschen zur Rettung anderer unschuldiger Menschen zu töten.
Für die Staatsanwaltschaft liegen die Tatsachen also glasklar auf dem Tisch. Die „Braunschweiger Schöffen“ sehen das am Premierenabend mit knapper Mehrheit ebenso – 138 zu 108 Stimmen für schuldig. Mit diesem Ergebnis gehören sie zu den Ausnahmen. Schon der zweite Theaterabend geht anders aus. Auf der Internetseite des Verlages (http://terror.kiepenheuer-medien.de/) werden die Abstimmungsergebnisse dokumentiert. Bislang liegt das Urteil „nicht schuldig“ deutlich vorn.

Die Inszenierung von Nicolai Sykosch ist fast anstrengend authentisch. In der Mitte des Parketts ist ein Gerichtssaal aufgebaut, kühl und sachlich. Genau wie der Vorsitzende Richter (Hans-Werner Leupelt). Souverän eröffnet er die Verhandlung, schildert ruhig und unbewegt die unerhörte Situation. Extrem überzeugend. Zeuge Oberstleutnant Lauterbach (Mattias Schamberger, durch und durch militärisch konditioniert mit einer coolen Arroganz für das Nachfragen des Gerichts bei militärischen Fachtermini) erklärt exakt die Abläufe im Führungszentrum der Luftverteidigung. Danach gibt es eigentlich gar nichts zu verhandeln, der Angeklagte (Andreas Vögler, mit einem Auftritt, der unter die Haut geht, sympathisch, hart und weich, ein Elitesoldat mit klugem Kopf, Herz und Verstand) gibt alles zu. Er konnte nicht anders, wird er erklären, für ihn lag ein „übergeordneter Notstand“ vor, er musste die 164 Menschen töten, um die große Menge im Stadion zu retten.

Die Verteidigung (voller Empathie und mit fast körperlichem Einsatz Moritz Dürr) beschwört eindringlich die innere Zerrissenheit des Piloten, erzählt von dessen wiederholten Nachfragen an die Luftverteidigung nach einem Schießbefehl, zeichnet die Gedankenkette nach, an der am Ende nur der Abschuss stehen konnte. „Er hat den gesunden Menschenverstand über Prinzipien gestellt“, wird später der Anwalt in seinem Plädoyer erklären und an die Zuschauer appellieren, ihm darin zu folgen.

Mit dem Auftritt der Nebenklägerin (Rika Weniger) wird das moralische Dilemma noch mal verstärkt. Sie – Ehefrau eines Passagiers der Lufthansamaschine – erzählt von einer letzten SMS ihres Mannes, in der er hofft, die Cockpittür öffnen und den Kidnapper überwältigen zu können. Die „Was-wäre-wenn“-Frage steht quälend im Raum. Nächste Aufführung Freitag (5. Februar).
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