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Die Vorteile von Vorurteilen

Im „Braunschweiger Dialog“ wurde ganz unverkrampft über Integration gesprochen.

Von Christoph Matthies, 19.09.12

Braunschweig. Einfache Patentrezepte? Die gab es nicht, als am Montag im Gewerkschaftshaus über Integration diskutiert wurde. Stattdessen wurden im „Braunschweiger Dialog“ munter Erfahrungen und Meinungen ausgetauscht.

„Lange ist geleugnet worden, dass wir ein Einwanderungsland sind. Dass wir in Deutschland Zuwanderung brauchen“, nutzte SPD-Ratsherr Christoph Bratmann sein Grußwort zu Beginn, um auf das Fehlen einer „Willkommenskultur“ hinzuweisen. Parteifreundin Aydan Özoguz, stellvertretende Bundesvorsitzende und Integrationsbeauftragte der Sozialdemokraten, ging dann ins Detail und nutzte ihren fundierten Impulsvortrag (Titel: „Integration betrifft uns alle! So gelingt Integration“), um außer einer Zustandsbeschreibung die Forderungen ihrer Partei darzulegen. Nicht überraschend, dass etwa die von der CSU vorangetriebene Einführung eines Betreuungsgeldes von der türkischstämmigen Hamburgerin als Integrationshemmnis gebrandmarkt wurde. Progressiv dagegen die Forderung nach einem Kommunalwahlrecht für Drittstaatler oder das eindeutige Bekenntnis zu anonymisierten Bewerbungen, um Job- oder Ausbildungsplatzsuchenden mit fremd klingenden Namen gleiche Chancen einzuräumen. Hart ging Özoguz mit der „Vermisst“-Plakat-Aktion ins Gericht, mit der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich vor einer Radikalisierung junger Muslime warnt.
Wie immer im von der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgerichteten „Braunschweiger Dialog“, wurde dem Publikum früh die Gelegenheit gegeben, sich an der Diskussion zu beteiligen und Fragen an das Podium zu richten. Auf diesem saßen, neben der moderierenden SPD-Abgeordneten Carola Reimann und Özoguz, der griechischstämmige Arzt Christos Pantazis, die Hauptschullehrerin Sandra Schünemann und Ekrem Benli, Migrations-Erstberater der Awo. „Es ist gut, dass es Vorurteile gibt“, überraschte Benli, Sohn türkischer Gastarbeiter, die knapp 100 Zuhörer. Immerhin würden Vorurteile erst die Gelegenheit bieten, sich mit ihnen zu beschäftigen und so nach und nach zu einer realistischeren Sicht zu gelangen. Mit Benli waren sich Schünemann und Pantazis einig, dass auch Sport einen gewichtigen Beitrag zur Integration leisten könne.
Nach angeregtem Meinungsaustausch und einem kurzen Ausflug zum momentan die Gemüter erhitzenden Mohammed-“Hassfilm“, beschloss Aydan Özoguz schließlich den Abend. „Die Linien, die unsere Gesellschaft wirklich trennen, sind die sozialen Linien“, sprach die Bundestagsabgeordnete ein wahres Wort gelassen aus. Dies dürfte auch Christos Pantazis gefreut haben, der gleich einen doppelten Migrationshintergrund mitbrachte: Der Arzt ist Sohn griechischer Eltern – und wurde in Hannover geboren.
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