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Die Störungen in der heilen Welt

Der durch die Nordmedia geförderte Film „4 Könige“ von Regisseurin Theresa von Eltz gewann den Publikumspreis „Heinrich“. Foto: oh
 
Die schweizerisch-türkische Produktion „Köpek“ von Regisseurin Esen Isik zeichnet anhand dreier Einzelschicksale sehr eindringlich ein düsteres Bild der türkischen Gesellschaft. Foto: oh

25 000 Filmfans besuchten das 29. Internationale Filmfestival – Carmen Maura kam nicht.

Von André Pause, 11.11.2015.

Braunschweig. „Jetzt gucke ich wohl erst einmal eine Weile nur die weiße Wand an“, lautete ein vielsagender Kommentar in der Whatsapp-Gruppe unmittelbar nach Ende des 29. Internationalen Filmfestivals. Viel zu gucken gab es da in der vergangenen Woche von Dienstag bis Sonntag: 110 Langfilme, darunter 30 deutsche und internationale Premieren sowie 160 Kurzfilme, um genau zu sein. Obschon beim besten Willen nur ein Bruchteil des Programms rezipiert werden kann, flimmert die Gefahr des Overloads augenscheinlich immer mit über die Leinwände.

Während der Whatsapp-Kommentator sicher bald wieder aufnahmefähig ist, kann sich die Filmfestmannschaft um Festivaldirektor Michael P. Aust schon jetzt über einen „extrem starken Jahrgang mit gestiegenen Besucher- und Umsatzzahlen“ freuen. Als Höhepunkte hob Aust die Weltpremiere von Paul Hills „The Power“, die internationale Premiere von Lika Alekseevas „Parallel Lines Meet at Infinity“, die deutschen Festivalpremieren von Charlie Kaufmans „Anomalisa“, Florian Gallenbergers Colonia „Dignidad“ sowie die israelische TV-Serie „Fauda“ hervor. „Stolz bin ich insbesondere auf die Werkschau zum Filmkomponisten Marcel Barsotti mit ihren zehn Filmen und zwei Filmkonzerten, die dem Staatsorchester Braunschweig und seinem Chor die Möglichkeit boten, einmal mehr mit den Facetten ihrer filmmusikalischen Expertise das Publikum total zu begeistern“, betont der Direktor.
Starke Filme gab es in allen Reihen des Filmfestivals. Der Publikumspreis im Wettbewerb um den „Heinrich“ für den besten Debüt- oder Zweitfilm ging an Regisseurin Theresa von Eltz und ihren Film „4 Könige“, der die Geschichte eines bunt zusammengewürfelten Quartetts in einer Jugendpsychiatrie erzählt, das dank eines weitblickenden Psychiaters über die Weihnachtstage auf bewegende Art und Weise zusammenfindet, was selbstverständlich nicht ohne Reibung vonstattengeht.
Überhaupt waren die Bruchlinien der Gesellschaftstektonik ein allgegenwärtiges Thema. „Die Gesellschaft steht unter großer Spannung. Nichts, was wir bisher als normal oder stabil betrachtet haben, ist mehr sicher: Das Internationale Filmfestival Braunschweig war in diesem Jahr geprägt von Filmen, die sich mit diesem Eindringen der Störungen in die heile bürgerliche Welt auseinandersetzen“, skizziert Aust.
Simon Blakes Debüt „Still“ gehört zu diesen Produktionen, Zoe Berriatúas kammerspielartig bebilderter juveniler (Gewalt-)Exzess „The Heroes of Evil“ ebenfalls. Und auch die schweizerisch-türkische Produktion „Köpek“ von Regisseurin Esen Isik, die anhand dreier Einzelschicksale sehr eindringlich ein düsteres Bild der türkischen Gesellschaft zeichnet.
Ausgelassener als in manchem Film war die Stimmung bei den Veranstaltungen des Rahmenprogramms und bei der Filmfest-Party am Samstag, die erstmals in der „Chateau Lounge“ direkt gegenüber dem Universum-Kino stattfand und bis in die frühen Morgenstunden zu Gesprächen und Tanzeinlagen einlud. Die Stimmung bei der von Ill-Young Kim moderierten Preisverleihung am Sonntag im Großen Haus des Staatstheaters litt dann ein wenig unter dem Nichterscheinen der „Europa“-Preisträgerin Carmen Maura. Der spanischen Aktrice war ein Kommen aufgrund des Lufthansa-Streiks unmöglich. Alle Versuche, die Schauspielerin nach Braunschweig zu holen, scheiterten. An unserer Vorfreude auf das 30. Internationale Filmfestival im kommenden Jahr ändert das freilich nichts.
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