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Die Sprache auf Schritt und Tritt

„Every breath you take and every move you make / Every bond you break, every step you take / I’ll be watchin‘ you“ (The Police). Foto: André Pause
 
Documenta-13-Künstler Clemens von Wedemeyer vor einer als Resonanzkörper fungierenden Acrylplatte. Foto: pau

Arbeiten von Clemens von Wedemeyer und Kevin Schmidt sind im Kunstverein zu sehen.

Von André Pause, 26.09.2014.

Braunschweig. Zehn, Neun, Acht, Sieben ... Bis Eins zählt eine Stimme herunter, dann geht es – mit anderem Organ – wieder von vorne los: eine Installation der gerade eröffneten, nahezu komplett akustischen Ausstellung „Every Word You Say“ von Clemens von Wedemeyer im Kunstverein Braunschweig.

Der 1974 in Göttingen geborene und nun in Berlin lebende Künstler schlägt mit seiner bis zum 16. November zu sehenden Schau Brücken in die Geschichte des Haus Salve Hospes. Die von Kuratorin Hilke Wagner mit „dokumentarische Poesie“ umschriebenen speziell für Braunschweig konzipierten Arbeiten Wedemeyers knüpfen an das Werk des Sprachwissenschaftlers und Nervenarztes Eberhard Zwirner an. Das von ihm 1955 gegründete Deutsche Spracharchiv – seit 2004 Archiv für Gesprochenes Deutsch und nunmehr in Mannheim beheimatet – hatte seinen Sitz zwischenzeitlich im Untergeschoss des heutigen Kunstvereinsgebäudes.

Documenta-13-Künstler Wedemeyer holt die Aufzeichnungen des Archivs nun ins Heute, bringt das historische Material durch Kontaktlautsprecher an flachen, meist von der Decke hängenden Resonanzkörpern aus Acryl und Holz zum Klingen und Vibrieren. Auf diese Weise wird Sprache sicht- und fühlbar. Das eingangs erwähnte, dokumentierte Zählen in verschiedenen Dialekten ist ein Rückgriff auf Mundarttests, die das Spracharchiv turnusmäßig einst alle 17 Jahre durchgeführt hat. „Ich habe das Material aus den 50er-Jahren für die Installation zusammengeschnitten, das einst aufgenommen wurde, um die Dialekte zu sichern, bevor sie verschwinden“, erklärt der Künstler.

Im Nachbarraum sind Detektoren auf dem Fußboden verteilt, die Trittgeräusche der Besucher akustisch vergrößern. Wedemeyer möchte gar nicht so viel sagen dazu, es erkläre sich in Anlehnung an „Every Breath You Take“, den Superhit der Band Police, und seinem für die Ausstellung gewählten Titel ja quasi von selbst: Every Step You Take. Alles hörbar.

Manchmal verfremdet Wedemeyer die Audio-Dokumente durch Soundsynthese und stellt dadurch, wie bei einer Arbeit mit Passagen einer Gerichtsverhandlung, Fakt und Fiktion nebeneinander. Gleich im Eingangsbereich arbeitet er mit synthetischen Stimmen, wie sie beispielsweise durch Google bekannt sind: „Dabei geht es mir vor allem um die Verwendung der Computersprache im öffentlichen Raum. Ich habe das hier so gemacht, wie man es unter anderem von Bahnhöfen kennt. Oft wird sprachlich etwas ausgedrückt, das man vielleicht viel lieber selber entdecken möchte“, skizziert der Künstler.

Ein Großteil der Ausstellung lappt schließlich ins Medizinische. Gespräche eines Arztes mit einer Lobotomie-Patientin vor und nach der Operation ließ Wedemeyer durch ein (allerdings auf Monologe spezialisiertes) Unternehmen für automatisierte Sprachanalyse untersuchen. Das Ergebnis ist für jedes Ohr vernehmbar: Die Emotionalität in der Stimme hat deutlich abgenommen.
Wedemeyer gelingt mit der Schau in Braunschweig ein die Sinne erfahrbarmachendes Hörspiel-Konglomerat. Parallel zu seinen Arbeiten ist in der Remise Kevin Schmidts in die Abschnitte „Harmless High Altitude Balloon“ und „Amateur Radio Equipment“ gegliederte Ausstellung zu sehen. Weitere Informationen: wwwkunstverein-bs.de.
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