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Die Realität hat bessere Groupie-Clubs

Ursula Hobmair, Philipp Grimm, Birte Leest, Mattias Schamberger und Denis Geyersbach (v.l.). Foto: Volker Beinhorn

Mina Salehpour inszeniert Philipp Löhles Globalisierungsparabel „Das Ding“ im Kleinen Haus witzig, aber recht erwartbar.

Von André Pause, 01.10.2014.

Braunschweig. Alles hängt mit allem zusammen – das lernt der Besucher bei der insgesamt durchaus stimmigen, bisweilen jedoch etwas pädagogisch geratenen Premiere von „Das Ding“ im Kleinen Haus des Staatstheaters.

Philipp Löhles hochkomplexe Geschichte der Globalisierung rund um den Reise- beziehungsweise Lebenszyklus einer Baumwollfaser ist vollgepackt wie ein Kleidersack des Roten Kreuz. Mittels szenischem Geflecht aus Ökolandbau, Entwicklungshilfe, Internet, Kunstmarkthype, Entfremdung und Reststoffverwertung erklärt der Autor die Strukturen der vernetzten Welt. Doch so absurd die Verknüpfungen auf den ersten Blick erscheinen mögen, so humoristisch durchsetzt die einzelnen Szenen verfasst – und von Mina Salehpour letztlich auch inszeniert – sind: so unwirklich und weit hergeholt ist das am Ende alles gar nicht.

Vorangestellt ist dem eigentlichen Geschehen ein geschichtlicher Fingerzeig: Seefahrer Ferdinand Magellan bittet den portugiesischen König Manoel I. um eine Flotte. Er möchte den Süddurchgang durch Amerika erkunden, für einen direkten Zugriff auf die Gewürzinseln. Kommuniziert wird das im Kleinen Haus durch alte Bilderrahmen hindurch, eine Ahnengalerie in Schwätzchen-Stimmung sozusagen. Nach brüsker Ablehnung durch den König (herrlich lakonisch: Mattias Schamberger) und Entlassung aus dem Staatsdienst wechselt der Eroberer (vor Zorn bebend: Denis Geyersbach) die Flagge.

Waren es im 16. Jahrhundert Gewürze, die dem Besitzer Reichtum versprachen, so sind es in der abhängiger und kleiner gewordenen Welt von heute günstige Produktionsbedingungen, sprich billige Arbeitnehmer, die dem Hersteller Wohlstand garantieren. Bringt der nachhaltige Baumwollanbau den Afrikaner Siwa beispielsweise in existenzielle Not, weil er auf dem Markt keinen höheren Preis für Handgepflücktes erzielen kann, so feiern die Chinesen Li und Wang mit ihrer effizienten baumwollverarbeitenden Firma gerade deshalb Erfolge.
Analog zu den einzelnen personell interferierenden Stationen der Geschichte, erzählt die vermenschlichte Baumwollfaser die eigene nach hinten raus beinahe endlos erweiterbar erscheinende Verwertungskette. Zusammen mit anderen Fasern wird „Das Ding“ zum T-Shirt verarbeitet, geht auf eine weite Reise, wird das Lieblingstrikot von Patrick Dräger, der davon träumt, in der Jugendnationalmannschaft zu spielen, wird auf der Haut dessen großer Schwester in virtuelle wie tatsächliche Liebesaffären verstrickt, infolgedessen angeschossen, landet bei der Mange & Kamff Reststoffverwertung und kommt nach zahlreichen Stationen zurück in das afrikanische Dorf, auf dessen Boden es gewachsen ist. Dort freut sich Siwas Tochter Fela das Unikat aus Vaters „Dead Men’s Clothes“-Geschäft tragen zu dürfen.

Obgleich der Ansatz, den sprachlich schlichten wie dichten Stoff auf Jorge Enrique Caros aufgeräumter Container-Bühne spielerisch in schlaglichtartige Szenen aufzudröseln, statt in Vorleseritis zu verfallen, lobenswert ist – und auch recht witzig: Unterm Strich lässt Regisseurin Salehpour ihre fünf Schauspieler in Mehrfachrollen etwas zu sehr das Erwartbare zeigen. Zudem kommen nicht wenige Bilder in „Habt ihr es auch wirklich alle gesehen“-Manier daher. Durch Posen auf dem Laufsteg die Oberflächlichkeit der Catwalk-Gesellschaft bloßstellen? Gut, warum nicht. Den weibisch feixenden Prima(rk)-Groupie-Club dagegen bekommt die Realität zweifelsohne besser hin als dieser Abend. Die tolle Ensembleleistung schmälert das nicht. Gekrönt wird diese durch Ursula Hobmair als solitär agierendes „Ding“ – optisch eine Mischung aus Bibo und Momo. Da sitzt die Melange aus Naivität, zarter Rotzigkeit und Sensibilität. Reger Applaus.
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