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Die Opfer-Täter-Frage hinterfragt

Frank Ehrhardt vom Verein Arbeitskreis Andere Geschichte, die Schüler Antonia Nolte, Jonas Horney, Carla Buhl, Leander Dirks, Paulina Zielinska, Arek Haupt und Lehrerin Malgorzata Szymanska (v.l.) waren an der Besuchswoche des Projekts „Braunschweig – Lodz 1939“ beteiligt. Foto: Pause

Geschichtlicher Gedankenaustausch mit Schülern aus der polnischen Vier-Kulturen-Stadt Lodz.

Von André Pause, 1. November 2014.

Braunschweig. Auf dem DIN-A4-Zettel, den Frank Ehrhardt vom Verein Arbeitskreis Andere Geschichte beim Termin in der Neuen Oberschule (NO) dabei hat, ist nicht viel Luft. Der Stundenplan der Besuchswoche im Rahmen des Projekts „Braunschweig – Lodz 1939: zwei Städte vor und nach Beginn des Zweiten Weltkriegs“ war prall gefüllt.

Unterstützt durch das Förderprogramm „Europeans for Peace“ weilten Lehrer und Schüler des Katholischen Gymnasiums Ogolnoksztalcace aus Lodz für eine Woche in Braunschweig, der Gegenbesuch ist für das Frühjahr 2015 avisiert, und ganz am Ende soll eine zweisprachige Ausstellung in beiden Städten zu sehen sein. Die Idee zur Teilnahme an diesem Projekt hatte NO-Lehrer Gustav Partington.
Der Hintergrund: Braunschweig war Anfang des 20. Jahrhunderts eine Stadt mit einer vergleichsweise kleinen jüdischen Minderheit. In der polnischen Großstadt Lodz hingegen waren die deutschen und jüdischen Minderheiten sehr stark vertreten. Mit der deutschen Besetzung von Polen 1939 änderte sich das Verhältnis der Bevölkerungsgruppen grundlegend. Das Austauschprojekt geht der Frage nach, welche Gründe es für diesen Wandel gab, und aus welchen Motiven die Diskriminierungen stattgefunden haben. Auch die Widerstände gegen die Ausgrenzung sollen im Fokus stehen. Anhand von Einzelbeispielen werden so individuelle Schicksale untersucht. In Braunschweig stand nun unter anderem eine Stadtrundfahrt unter geschichtlichen Gesichtspunkten, ein Besuch in der Gedenkstätte Schillstraße mit anschließender Quellenarbeit in Arbeitsgruppen, ein theatraler Rundgang („Exit“) im Theaterpädagogischen Zentrum, die Besichtigung des Volkswagenwerkes Braunschweig und ein Gespräch mit Sally Perel, Zeitzeuge und Autor des Buches „Hitlerjunge Salomon“, auf dem Programm.
An der NO wird „Braunschweig – Lodz 1939“ für die elften Klassen als regulärer Geschichtskurs parallel zum bestehenden Unterricht angeboten. Als nette Alternative sieht Jonas Horney die wohl unmittelbarere Variante der Konfrontation mit der (auch regionalen) Geschichte. „Ich hatte das Fach in der Oberstufe nur als Grundkurs. Außerdem stehe ich auf Gruppenarbeit“, skizziert der Schüler, dem die Archivarbeit in der Gedenkstätte Schillstraße und das Gespräch mit dem Historiker Dr. Karl Liedke am besten gefallen haben. Leander Dirks und Antonia Nolte hoben das Perel-Gespräch hervor, schildern es als sehr berührend. „Wir haben uns durch das Projekt verstärkt mit der Opfer-Täter-Frage auseinandergesetzt, uns alle selbst gefragt: Was bin ich“, sagt die Elftklässlerin. Dass das Thema Kriegsaufarbeitung weiterhin relevant ist, darin sind sich alle einig. „Es ist natürlich interessant, wie die Schüler im Ausland das sehen“, ergänzt Klassenkameradin Carla Buhl.
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