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Die Mutter benötigt den Zweck

In „M(other) Courage“ agieren Staatstheaterschauspieler gemeinsam mit Schauspielstudenten und Laiendarstellern. Foto: Volker Beinhorn

Marta Górnicka inszeniert im Kleinen Haus ihr krachiges Chorstück „M(other) Courage“.

Von André Pause, 29.09.2015.

Braunschweig. Manchmal genügen 45 Minuten, um dem Publikum so viel Wind entgegenzublasen, dass diesem schier schwindelig wird. Marta Górnicka, der Preisträgerin des Regiefestivals „Fast Forward“ von 2012, gelingt mit der Uraufführung ihrer Chorarbeit „M(other) Courage“ nicht weniger als dies.

Bert Brechts Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ wird im Kleinen Haus des Staatstheaters gewissermaßen kernsaniert. Der Chor ist für die polnische Regisseurin zugleich gesellschaftlicher Körper und Sprachwerkzeug, mit dem den dringlichen Problemen der Gegenwart auf die Pelle gerückt wird.
Aktuelle Themen wie die Flüchtlingskrise und ihre Begleiterscheinungen oder die soziale und wirtschaftliche Bedeutung eines Krieges kommen hier in knapper Form – schlagwortartig, als Schlagzeile, These oder als hohle Phrase („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“) – auf den Verhandlungstisch. Es wird geflüstert und geschrien, gesprochen und gesungen. Dabei werden Laute schon mal so lange zu einem neuen Bild gefügt und verschoben, bis sich die Sprache im Geräusch endgültig auflöst, in sich selber untergeht.
Der Chor, den Marta Górnicka aus dem Publikum heraus fulminant mal in Richtung Harmonie mal in Richtung Disharmonie dirigiert, muss man sich als Maschine vorstellen, die mit einer Stimme, aber auch mehrstimmig aus unterschiedlichsten Perspektiven zu sprechen in der Lage ist, als einen Motor, der in einem Moment hochtourig läuft – verspieltes Überschnappen à la Oskar Pastior inklusive –, dann wiederum beinahe sanftmütig schnurrt wie ein Kätzchen.
Dazu passt die Bildsprache, die Górnicka mit ihren 23 Akteuren (neben sechs Ensemblemitgliedern des Staatstheaters stehen, Schauspielstudenten und Laiendarsteller auf der Bühne) findet. Zum fatalistisch-zynischen Ausspruch „Opfer gibt es immer. Jemand muss sterben, damit das Volk Frieden hat“ beispielsweise bewegen sich die Darsteller kreisförmig wie ein Mahlstein. An anderer Stelle wird im Gleichschritt des Geldes marschiert, und die stolze deutsche Mutter – im Kleinen Haus heißt sie einmal mehr Angela Merkel – wird in Reih‘ und Glied zur hilflos Repetierenden, die immer liebt, immer Fehler macht, immer benutzt wird und vor allem: immer einem Zweck dient. Und wehe, der kommt einmal abhanden. Dann wird es mechanisch kalt: für die Mutter sowie gesamtgesellschaftlich.
„M(other) Courage“ ist eine physisch mächtige, insbesondere für Braunschweiger Verhältnisse radikale wie mutige und angenehm unpädagogische Produktion, die bei ihrer Premiere verdientermaßen kräftig beklatscht wird.
Die nächsten Aufführungen sind am 2., 9., 14. und 20. Oktober jeweils um 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen und Infos: staatstheater-braunschweig.de .
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