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„Die Krisen haben mich am weitesten gebracht“

Roger Cicero. Foto: Mathias Bothor/ oh

Jazz- und Popmusiker Roger Cicero kommt in die Braunschweiger Stadthalle.

Braunschweig, 23.09.2014.

Am 28. September kommt Roger Cicero im Rahmen seiner Tour zum aktuellen Album „Was immer auch kommt“ in die Braunschweiger Stadthalle. André Pause hat sich mit dem Pop- und Jazzmusiker unterhalten.

? Herr Cicero, ich habe mich gestern mit zwei Bekannten unterhalten. Beide haben mir unabhängig voneinander erzählt, dass ihre Partnerinnen sehr große Roger Cicero-Fans sind, sie selbst allerdings wenig mit Ihrer Musik anfangen könnten. Sind Sie ein Künstler für die Damenwelt?

! Das wird mir immer mal wieder unterstellt. Ich glaube das nicht, weil man auf meinen Konzerten immer sehr schön beobachten kann, dass auch sehr viele Paare kommen. Da gibt es ohnehin eine unglaublich bunte Mischung, von Kindern bis zu Großeltern, teilweise ganze Familien. Es ist alles vorhanden, das ist ja das Schöne.

? Mit dem Albumtitel „Was immer auch kommt“ möchten Sie die Leute zum sich Einstellen auf die Irrungen und Wirrungen des Lebens ermutigen. Wie machen Sie das persönlich?

! Naja, das ist schon sehr unterschiedlich. Das kommt erst mal auf die Schwierigkeit der Situation an. Es ist schon so, dass ich immer versuche mich der auch zu stellen, da durchzugehen. Am Anfang habe ich natürlich auch mit Widerständen zu kämpfen. Wenn Veränderungen eintreten, umarme ich die auch nicht sofort, aber es kommt dann – manchmal schneller manchmal weniger – der Moment an dem ich mich versuche drauf einzulassen. Das ist für mich auch der Rote Faden, der sich quer durch das Album zieht: Die Frage, wie man sich darauf einstellt und mit so etwas umgeht.

? Sie beschreiben diese Umbruchsituationen in einigen neuen Songs. Da gibt es einerseits eine recht nachdenkliche Grundstimmung, Sie bewahren offensichtlich aber eine ausgesprochen positive Denke. Sind Sie zwangsoptimistisch veranlagt?

! Das würde ich jetzt nicht direkt bejahen. Aber ich versuche mich natürlich immer wieder dahingehend auszurichten, und das ist das, was ich in den Titeln zum Ausdruck bringen wollte: Dass das wichtig ist, und zwar ohne Ausblendung der Schwierigkeit der jeweiligen Situation. Das macht den Unterschied. Wenn ich jetzt diesen Ausdruck Zwangsoptimist mal eben aufgreifen darf: Das würde für mich bedeuten, dass man sich den Schwierigkeiten des Lebens verschließt, sich durch das Instrument der Verdrängung versucht einen positiven Blick auf die Dinge zu bewahren. Und das ist genau das, was ich versuche nicht zu tun. Ich versuche das schon an mich heranzulassen und daraus dann einen Optimismus zu entwickeln, indem ich mich frage: Was kann ich lernen, welche Eigenschaften kann ich in mir hervorrufen.

? Ein Appell an das eigene Urvertrauen?

! Genau. Ich bin der festen Überzeugung, dass alle Krisen durch die ich jetzt in meinem Leben gegangen bin, mich am weitesten gebracht haben. Da sagt immer jeder: Selbstverständlich, na klar ist das so, aber es ist relativ schlecht verankert in unserem heutigen Leben (lacht). Es geht immer irgendwie um Ablenkung und Weggucken. Der Blick nach innen ist erst ein Mal nichts, was empfohlen wird. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die einen dahingehend ermutigen. Das finde ich schade.

? Wer Roger Cicero sagte, musste bislang auch Big-Band-Sound sagen. Das ist mit dem neuen Album komplett anders. Hat es mit der inhaltlichen Veränderung zu tun, dass das Ergebnis so poppig geworden ist?

! Das ist in der Tat den Themen und den Texten geschuldet. Da habe ich mit meinem Produzenten jedes Stück sehr individuell umgesetzt und arrangiert. Was die Sache nicht gerade vereinfacht hat. Es wäre einfacher gewesen, das Album mit der Big Band einzuspielen, weil das für mich natürlich sehr gewohnte und bekannte Arbeitsvorgänge sind. Das war dieses Mal nicht so, und deshalb sehr schwer. Allerdings war es für mich von vornherein klar, dass es definitiv nur bei der Produktion so sein würde, dass wenn ich auf Tour gehe, die komplette Big Band selbstverständlich mit von der Partie ist.

? Das bedeutet, dass der Sound des Albums live transformiert wird?

! Definitiv. Für mich ist es immer so gewesen: Auf der Bühne muss stimmig sein. Ich bin allerdings noch nie mit der Erwartung an die Sache herangegangen, dass es auf der Bühne exakt so klingt, wie auf dem Album. Es gab Platten, da war es automatisch so, weil die Big Band auch im Studio alles live eingespielt hat, da war es dann klar, dass es bei Konzerten genauso klingen würde. Bei diesem Album war es so, dass wir darauf geschaut haben: was kann man eins zu eins adaptieren, und wo funktioniert das nicht. Bei einigen Stücken war es überhaupt kein Problem sie im selben Fahrwasser zu belassen, sie nur angereichert zu interpretieren. Bei anderen war es so, dass wir jetzt gänzlich neue Versionen haben.

? Am 28. September kommen Sie in die Stadthalle. Was können die Zuschauer erwarten?

! Einen bunten Querschnitt aus meinem kompletten Schaffenswerk. Dadurch, dass das jetzt mein fünftes Album war, gab es das Luxusproblem des umfangreichen Repertoires, aus dem es zu wählen galt. Es ist glaube ich das abwechslungsreichste und beste Programm, was ich jemals live auf eine Bühne gebracht habe.

? Ist das in Stein gemeißelt, oder gibt es im Laufe der Tour auch Veränderungen im Set?

! So ein Set ist ja jetzt nicht nach Jux und Dollerei zusammengestellt. Ich mache mir sehr genau Gedanken, was die Dramaturgie anbelangt, welches Stück am besten nach einem anderen zu spielen wäre, welche Stücke thematisch gut zueinanderpassen, damit der Abend insgesamt eine dynamische Kurve hat. Das ist selbstverständlich nichts, was man jeden Abend neu macht, schon gar nicht mit einer Big Band. Es aber auch so: Man kann sich Wochen oder Monate hinsetzen und überlegen, wie das wohl sein wird. Letzten Endes spürt man erst auf der Bühne, ob etwas stimmig ist. Mal hat man Glück und es passt gleich ab dem ersten Abend, manchmal merkt man aber auch nach dem zweiten oder dritten Konzert: Das Stück an der Stelle – das wirkt nicht so recht, da müssen wir was umstellen. Dann ist es selbstverständlich, dass man die Reihenfolge leicht abwandelt.
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