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Die Grauzonen der Wahrnehmung

Arbeiten aus drei Werkgruppen präsentiert Helen Feifel in der Remise des Kunstvereins. Foto: André Pause
 
Carsten Nicolai gehört zu den profiliertesten deutschen Künstlern, die mit Sound, Licht und Wahrnehmung arbeiten. Foto: Pause

Carsten Nicolai macht mit seiner Ausstellung „Ur-Geräusch“ im Kunstverein Sound zu Architektur.

Von André Pause, 20.06.2015.

Braunschweig. Zwei Lautsprecher, aus denen „weißes Rauschen“ kommt, stehen sich gegenüber wie Cowboys beim Duell.

Das Geräusch ist im gesamten Raum vernehmbar. Nur exakt in der Mitte zwischen den beiden Boxen nicht. Wer diese Stelle der Stille, an der sich die Schallwellen theoretisch auslöschen, erleben möchte, muss die Installation „Invertone“ von Carsten Nicolai schon betreten.

Bis zum 23. August widmet sich der zeitgenössische Künstler (Jahrgang 1965) mit seiner Ausstellung „Ur-Geräusch“ im Kunstverein Braunschweig der skulpturalen Qualität des Sounds, betreibt mit Wissen um physikalische und akustische Phänomene Architektur aus Sound und Licht.

Dabei ist Nicolai häufig der Einfädler, der einen Prozess vorbereitet und das Ergebnis in letzter Konsequenz den Gesetzen der Natur überlässt. Besonders deutlich wird dies im Werk „schatten loop“: Die Magnetbandschleife eines Effektgeräts wird in ständiger, kreislaufartiger Bewegung von einem Spot angeleuchtet. Die sich ergebenden Muster sind immer neu und nicht voraussehbar. „Es wiederholt sich nichts, die Muster sind ähnlich, aber nie gleich“, beschreibt Nicolai die gewünschte Selbstorganisation der Dinge. Diese manifestiert sich auch in der Arbeit „Cluster“. Hier drängt der Künstler Tischtennisbälle in Luftballons zusammen. Je nach Anordnung ergeben sich auf den ersten Blick ähnliche, jedoch mannigfaltige Formationen, die, in Neusilber (Besteckmaterial) gegossen, symbolisch eine Art eingefrorener Zustand von Sound sind, meint der Begriff Cluster in der Musik doch ein komplexes Klangbild, dessen Töne nahe beieinander liegen.

Mit der aktuellsten Arbeit der Schau, „Zukunftsangst“, bringt Nicolai die Idee der dauerhaften Materialisierung von Schall dann auf den Punkt. Das vom Musiker Blixa Bargeld gesprochene Wort Zukunftsangst macht er zum rotationssymmetrischen Objekt aus massivem Aluminium.

Die raumgreifenden Installationen im Spiegelsaal und der Rotunde schließen letztlich einen Kreis hin zum Ausstellungstitel „Ur-Geräusch“. Der wiederum ist angelehnt an Rainer Maria Rilkes gleichnamigen Aufsatz aus dem Jahr 1919. Fasziniert von der Apparatur des Phonographen sinniert Rilke da vom menschlichen Schädel als Resonanzkörper und dessen Übersetzungsfähigkeit von Bild zu Ton und umgekehrt.

Diese Beschäftigung mit den Schnittstellen zwischen den Disziplinen dokumentiert Nicolai in „static balance“, wo zwischen zwei parabolisch geformten Spiegeln ein akustisch reflektierender strukturierter Raum erzeugt wird, und in „ctr mgn“. Hier inszeniert er, mit Referenz an Videokunst-Pionier Nam June Paik, die Störung. Mechanisch und unregelmäßig schwingende Magnet-Pendel mit 600 Kilogramm Zugkraft verschieben die Farben und Formen der in Echtzeit vom Nachbarraum auf Bildschirme übertragenen Neonröhren, während Magnetfeldmesser die entstehenden Knarzgeräusche übertragen.

Als Ergänzung zu den Video- und Sound-Arbeiten im Erdgeschoss versammelt Nicolai in der ersten Etage, die in diesem Fall den Charakter eines Archiv- und Arbeitszimmers bekommt, Materialien, die die Entstehung und Umsetzung einzelner Werke nachvollziehbar machen: Kristalle, Magnet- oder Lederbänder, allesamt Bausteine seiner beeindruckenden architektonischen Ideen.

In der Remise sind parallel zur Hauptausstellung Arbeiten der Künstlerin Helen Feifel (Jahrgang 1983) aus drei Werkgruppen zu sehen. Weitere Infos unter www.kunstverein-bs.de .
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