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Die getanzte Hirnforschung

Mit „Ahead“ steht Tanzdirektor Jan Pusch vor seiner ersten Uraufführung am Staatstheater.

Von André Pause, 22.02.2012

Braunschweig. Sieben Herren in Trainingskleidung und schwarzen Lackschuhen werfen auf der Bühne des Großen Hauses ihre Beine in die Luft, drehen Pirouetten, robben über den Boden. Bis Tanzdirektor Jan Pusch „Stopp!“ ruft, dazwischengeht und korrigierend eingreift.

Es ist eine der Bühnenproben für „Ahead“, das Tanzstück, das am kommenden Sonnabend (25. Februar), 19.30 Uhr im Großen Haus Premiere feiern wird. Die Uraufführungspremiere für Pusch in Braunschweig.
Auf der Zielgeraden wird dem Beobachter klar, wie viel Kommunikation im Tanz steckt. „Solch eine sogenannte Putzprobe ist natürlich auch etwas anderes als eine Durchlaufprobe. Die Details müssen genau abgestimmt werden, damit alle Tänzer wissen, was zu tun ist“, erläutert Sigrid Schonlau, Tanzdramaturgin des Staatstheaters.
Vom Pult im ersten Rang wird halblaut Musik aus dem Stück eingespielt. Pusch, der, gemeinsam mit der künstlerischen Assistentin Ilka von Häfen, die Compagnie instruiert, fühlt sich in der Konzentration gestört und wendet sich an den zuständigen Beat Halberschmidt: „Äh, können wir die Musik etwas…“ – „Lauter“, führt Jared Marks den Satz scherzend zu Ende. Er kaspert, wie überhaupt das ganze Tanzensemble, zwischendurch schon mal herum. In solchen Momenten erinnert einen das Ganze an eine strolchige Schulklasse. Der Tanzdirektor referiert zur Bauch- und Beinstellung, demonstriert dann selbst eine Drehung, führt – nach dem Motto: „So soll es sein“ – einen Ausfallschritt vor. Und schon verfliegt der Eindruck von eben, und es wird schnell wieder ernster. Wirklich angespannt oder nervös ist in der Woche vor der Uraufführung aber nicht einmal Jan Pusch selbst. „Nee, eigentlich nicht. Es ist dieses Mal nur eine große logistische und organisatorische Herausforderung, weil wir viele Umzüge haben und viele technische Sachen im Bühnenbild.“
„Ahead“ ist die erste Arbeit für das Staatstheater, die Pusch, sein Team und die Tänzer wirklich komplett gemeinsam entwickelt haben. Anderthalb Jahre habe die konkrete Textarbeit gedauert, im Anschluss die üblichen drei bis dreieinhalb Monate Probe.
„Das Stück besteht aus drei sehr unterschiedlichen Teilen mit unterschiedlichen Tempi und unterschiedlicher Musik. Wir arbeiten mit Musik von Bach und Purcell. Es gibt den ersten Teil, der nur Textszene ist, dann einen, der reiner Tanz ist, und dann einen, der im Grunde versucht, spürbar zu machen, was im Traum passiert, was Traumbilder sein können. Da sind die Tänzer auch als Darsteller sehr gefordert“, skizziert Pusch. Thematisch geht es um das „Ich“, darum, wer uns wirklich bewegt und unsere Taten steuert.
Pendelnd zwischen Analyse und Spekulation forscht Pusch in seiner Choreographie nach dem Geheimnis im Kopf und der zentralen Frage: Ist uns im Innern immer jemand einen Schritt voraus? „Daraus entstand schließlich die Fragestellung: Wenn eine Entscheidung schon gefallen ist, bevor jemand sich ihrer bewusst sein konnte, was ist denn dann mit unserer Verantwortlichkeit? Was ist dann mit der Demokratie? Wie funktioniert dann das Justizsystem, wenn wir eigentlich für die Entscheidungen gar nicht verantwortlich gemacht werden können, weil wir nicht wissen, was wir tun?“
Nichts als Fragen. Vielleicht hilft da ja der Traum weiter. Als dessen Qualität Pusch das Auslösen spürbarer Emotion bezeichnet. So wüssten wir zwar nicht, ob und wie diese Emotionen uns in unserem Tun beeinflussen, aber „manchmal finden wir heraus, dass es so gewesen ist. Dann wacht man auf, und weiß, was zu tun ist.“ Dieser Erkenntnisgewinn wird getanzt – bei der Uraufführung von „Ahead“.
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