Anzeige

Die gerappte Verfolgungsjagd

Emil Tischbein und seine wenig dezent gekleideten Berliner Freunde jagen Gauner Grundeis: Martin Winkelmann (als Krummbiegel), Ralph Kinkel (als Professor), Ravi Marcel Büttke (als Gustav), Nikolaij Janocha (als Emil), Patrick Dudek (als Bleuer), Claudia Plöckl (als Dienstag) Foto: Beinhorn

Das Staatstheater macht Kästners „Emil und die Detektive“ als Familienstück zum bunten Ereignis.

Von André Pause, 21.11.2015.

Braunschweig. Erich Kästner hat 1929 viele Themen hineingepackt in sein erstes Kinderbuch „Emil und die Detektive“: Da geht es um Freundschaft und Miteinander, um Abenteuer, um Moral und Anstand, um das Aufbegehren gegenüber Erwachsenen und natürlich um den Sieg des Guten über das Böse.

Das Staatstheater hat den reichhaltigen Klassiker nun als Familienstück auf die Bühne des Großen Hauses gebracht.

Dabei belässt Regisseurin Krystyn Tuschhoff die Geschichte nicht im Berlin der 20er- oder 30er-Jahre, sondern katapultiert sie überaus vehement ins Heute (Altah, det is Berlin!). Das „Viel hilft viel“ in allen Belangen fällt schlussendlich niemandem auf die Füße. Manchmal wirkt der Versuch, das Großstadtabenteuer des Emil Tischbein mehr zu rappen als zu erzählen zwar etwas bemüht, und auch Beatboxer Patrick Dudek, neben seiner quasi stummen Bleuer-Rolle als Geräuschelieferant im Dauereinsatz, verliert im Laufe der 90 Stückminuten merklich an Wirkung.

Sonst aber wird der Tuschhoffsche Transfer zum bunten und schrillen Ereignis. Einen Löwenanteil zum Gelingen tragen die Bühnengestaltung und die Kostüme bei. Uta Materne bebildert Emils Reise aus Neustadt – wo er mit seiner Mutter lebt – nach Berlin – dort sind die Oma und Cousine Pony Hütchen zu Hause – mit riesigen popartigen Pappmachés, oft im Stil jener Trickfilme, die Terry Gilliam einst für seine Komikergruppe Monty Python animierte. Und Britta Leonardts Outfits geben den einzelnen Charakteren starke Kontur: Trickbetrüger Grundeis, der dem Kleinstadtburschen Emil im Zug das gesamte Reisebudget in Höhe von 140 Euro entwendet, trägt feinen Zwirn, der genau die eine Spur zu exzentrisch ist, um seriös zu wirken, Mutter Tischbein wird allein über ihre Kleidung in der Provinz verortet, und die Klamotten der sich zur Detektivbande formierenden jungen Leute vereinen Fantasiewelt und Zeitgeist. Für eine diskrete Beschattung des Gauners rund um das Hotel Kreid mag die Wahl der wenig dezenten Outfits etwas merkwürdig erscheinen. Aber, was soll man sagen: Altah, det is Berlin!

Das Ensemble agiert unterdessen mit viel Gefühl für die Figuren und das junge Publikum. Die dreikäsehohen Theatergäste beweisen ihrerseits ein äußerst intaktes Gerechtigkeitsempfinden. Als Grundeis, der sich schon mal als Müller oder Kießling ausgibt, sich aber komischerweise nie ausweisen kann, rhetorisch in die Runde fragt: „Sehe ich etwa aus, wie ein Mann, der kleine Kinder ausraubt?“, kommt ein lautes „Jaaaa!“ zurück. Knorke!
Weitere Aufführungen gibt es bis zum 3. Januar. Informationen im Internet unter staatstheater-braunschweig.de .
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.