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Die Farben der inneren Freiheit

Thomas Grigoleit in seinem Malort im Gebäude des Konsumvereins Hinter Liebfrauen. Vier bespannte Wände und die Palette in der Mitte sind das Merkmal eines jeden Malortes, hochwertige Materialien wie besonders gut pigmentierte Farben auf Naturbasis und professionell hergestellte Pinsel sind Bedingung. Foto: Thomas Ammerpohl
 
Arno Stern in seinem Malort in Paris. Im Dokumentarfilm „Alphabet“ erzählt der Pädagoge von seiner Arbeit, von Kreativität ohne Druck, vorgestellt wird auch sein Sohn André, ein Gitarrenbaumeister, der nie eine Schule besucht hat. Als Gegenwelt zeigt der Erziehungswissenschaftler Yang Dongping, was der Drill mit den chinesischen Kindern macht. „Alphabet“ läuft täglich 14.15 Uhr im Universum, Montag auch 18.45 Uhr.

Thomas Grigoleit und sein Malspiel – Sein Meister ist aktuell im Film „Alphabet“ zu sehen und zu hören.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 22.01.2014.
Braunschweig. Der Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer stellt in dem Film „Alphabet“ das klassische Bildungssystem an den Pranger; einer seiner Gegenentwürfe ist das „Malspiel“. Ein Raum, den es auch in Braunschweig gibt.

„Spielen heißt nicht, beschäftigt zu werden, sich nützlich zu machen oder irgendetwas zu üben, Spiel ist auch nicht Freizeit“, erklärt der Künstler Thomas Grigoleit in seinem Malort Hinter Liebfrauen. „Das Malspiel eröffnet eine Welt des Ausdrucks mit Pinsel und Farben“, fügt der studierte Kunstpädagoge und Freie Künstler an.
Vier Wände, Reißnägel, um Blätter anzuheften, in der Mitte ein Palettentisch mit Pinseln und Farben – das ist der Malort. Die „Malkinder“ (so heißen alle Teilnehmer) bekommen einen Kittel, „und schlüpfen so auch optisch in eine neue Rolle“, sagt Grigoleit. Raus aus dem Alltag.
Gelernt hat Grigoleit beim großen Malspiel-Meister selbst. Der Pädagoge Arno Stern hat den Ursprungsmalort vor über 60 Jahren in Paris gegründet, seitdem hat er keine Malstunde versäumt und gibt sein Wissen in Seminaren weiter.
Auch an Thomas Grigoleit. „Ich habe Malerei studiert und mich lange mit japanischer Schriftkunst beschäftigt. Arno Stern traf ich 1995 in Hamburg“, erzählt Grigoleit. „Ich war gleich tief beeindruckt, er wirkte sehr charismatisch, fast missionarisch.“ Die Ausbildung zum Malspiel schließlich hat Thomas Grigoleit 2007 direkt in Paris gemacht, in den folgenden Jahren nahm er mehrfach an Weiterbildungen teil.
Kleine und große Malkinder kommen einmal in der Woche in den Malort. „Anfangsmomente werden unterschiedlich schnell überstiegen“, sagt Grigoleit. Die Kinder seien ruckzuck dabei, Erwachsene stünden mitunter ratlos vor dem weißen Blatt Papier. Idealerweise sind die Gruppen bunt gemischt, Kinder und Erwachsene, zwischen fünf und 85 Jahren. Und vor allem – sie sollten anfangs Fremde sein. „Ich mache auch Ausnahmen, nehme Eltern und Kinder oder Geschwister in eine Gruppe“, erzählt Grigoleit, aber das führe meist dazu, dass die entstehenden Bilder kommentiert oder gar bewertet werden.
„Das unterbinde ich“, sagt Grigoleit, „in den schutzgewährenden Bedingungen des Malortes gibt es weder Betrachtung, noch Wertung oder Deutung. Die Spur der Malkinder wird mit keiner Spekulation verbunden“, erklärt er das Konzept. „Nach Arno Stern gehört diese entstehende Spur einem Universalgefüge an“, erklärt Grigoleit. „Formulation“ genannt, bildnerische Spuren, die schon vor den Schriftzeichen zur Menschheitsgeschichte gehörten.
Auf jeden Fall haben die klassischen Kategorien der Kunst oder gar der Kunsterziehung an diesem Ort keine Gültigkeit. Zum Konzept gehört auch, dass die Bilder den Malort nicht verlassen. „Denn auch später sollen sie weder bewertet noch kommentiert werden“, sagt Grigoleit. Für jedes „Malkind“ wird eine Mappe angelegt, alle Bilder werden mit Namen und Datum versehen, oben und unten wird gekennzeichnet, sie werden gesammelt und aufbewahrt.
Gelehrt im klassischen Sinn wird nichts. „Das hat auch schon dazu geführt, dass Eltern ihre Kinder nach dem Einführungsgespräch wieder mitnehmen, weil hier kein Kunstlehrer sagt, wie es richtig geht“, erzählt Grigoleit. Für die, die bleiben, übernimmt er die „dienende Rolle.“ Heißt: Alles, was im Ablauf des Malens hindern kann, kann bei ihm bestellt werden. „Reißnägel bitte versetzten“, „Ein neues Blatt bitte“, oder „Hilfe, die Farbe tropft“, sind dann auch die ersten Kontakte auf handwerklicher Ebene. „Ich kümmere mich um alles, was schiefgehen kann“, fasst Grigoleit zusammen.
„Das Malspiel steht außerhalb der Kunst“, sagt der studierte Kunstpädagoge, „es geht um die Freude am Pinselstrich, am Ganz-bei-sich-sein in einem geschützten Raum. Mitnehmen kann man nur die Gefühle, Gedanken, Erfahrungen wie beim Tanzen oder im Theater – es geht um den Augenblick.“
Mehr Informationen über Thomas Grigoleit und sein Malspiel im Internet unter www.malspiel.com .
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