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Der Wandel zum echten Jungen

Marion Bordat und Marko Werner als Frau Fuchs und Herr Kater geben Pinocchio (Ravi Marcel Büttke) hochgradig unseriöse Investmenttipps. Die beiden wollen an sein Geld. Foto: Beinhorn

Das Staatstheater-Familienstück „Pinocchio“ gerät zur Premiere im Großen Haus etwas zäh.

Von André Pause, 12.11.2014.

Braunschweig. Zwei Dinge fallen doch immer wieder auf, wenn Kinder im Theater sind. So auch bei der Premiere des Staatstheater-Familienstückes „Pinocchio“ im Großen Haus.

Erstens: Die Kurzen haben großen Spaß an kleinen (aber bitte lustigen) Dingen. Und zweitens: Keine auch noch so beiläufig oder rhetorisch in den Raum gestellte Frage bleibt lange unbeantwortet. Kinder (6+) machen mit.
Wenn nun Nikolaij Janocha als Tischler Lorenzo (der andernorts auch schon Antonio hieß) mit einem sprechenden Stück Holz des Weges daherkommt, der arme Kerl mit Fragezeichen auf der krausgezogenen Stirn denkt, die ominöse Stimme käme aus einer wackelnden Laterne, dann hat er die Lacher im Saal natürlich schon mal auf seiner Seite. Schrullig dargebotene Imperfektion und Verhuschtheit in Kombination mit wie von Geisterhand bewegten Gegenständen werden im Kindertheater fast immer honoriert. Und auch Tischlerkollege Geppetto (sehr altersweise: Klaus Lembke), der sich, bevor er aus dem wundersamen von Lorenzo vermachten Stück Holz eine schöne Puppe schnitzt (in Braunschweig ein Schattenspiel hinter Laken), fragt, woher wohl diese fistelige Stimme kommt, erhält die Lösung so begeistert wie vielstimmig von jungen Zuschauern mitgeteilt: „Aus dem Stück Holz!“
Für die Kinder gibt es im fast ausverkauften Großen Haus erst einmal ebenso viel zu entdecken, wie für die zum Leben erweckte Puppe Pinocchio (Ravi Marcel Büttke). Das ist nicht zuletzt ein Verdienst von Vinzenz Gertler. Inmitten seiner Himmelsmotiv-Bühne, die ein großes, hohes Tor zeigt, wird der Guckkasten situativ wie eine Ziehharmonika vor- und zurückgezogen. Dieser Umstand lenkt ein wenig von der vor allem im ersten rund einstündigen Teil etwas langatmig erzählten Geschichte ab. Einzelne Szenen, wie jene, die etwas krampfig (billige) Italien-Klischees versammelt, sind komplett verzichtbar: Gestapelte Pizzakartons, Motorroller, lautstark streitendes Pärchen – puh ... Andere, wie den Abstecher ins Spielzeugland lässt Regisseur Sebastian Wirnitzer, wohl, weil es gerade so schön bunt und trubelig ist, ohne Not ausfransen. Stärker ist das Stück, wenn es um den Kern geht: Junger Kerl geht raus, sammelt Erfahrungen, erliegt Versuchungen, wird von höheren Mächten (hier: die gute Fee Anja Signitzer) gerettet und schließlich, weil er selbst ein Retter ist, zum echten Jungen aus Fleisch und Blut. Humoriges Highlight der mit pädagogischen Einsprengseln nicht gerade geizenden Braunschweig-Version des „Coming of Age“-Plots sind Marion Bordat und Marko Werner als leicht verpeiltes Duo Frau Fuchs und Herr Kater. Auch lustig ist das verirrte Rotkäppchen, das mit vollem Korb durchs Bild läuft, „jetzt bin ich völlig vom Weg abgekommen“ ruft und einen tiefen Schluck aus der Rotweinpulle nehmend abtritt. Ach ja: Und die lange Nase, die zum Geräusch einer knarzenden Tür wächst und schrumpft.
Die Kinder halten die zwei Stunden mit eingeschobenem Bastelkurs in der Pause gut durch und spenden kräftigen Applaus.
Informationen im Internet unter www.staatstheater-braunschweig.de .
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