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Der Tod der Innenstadt

Symbolfoto Friedrich-Wilhelm-Straße

Es ist bereits „fünf vor Zwölf“…

Wer ständig mit offenen Augen durch die Braunschweiger Innenstadt geht, wird ein unangenehmes Gefühl nicht vollständig abwehren können angesichts der zahlreichen Leerstände in den verschiedenen Immobilien. Nein, mir geht es nicht um „Panikmache“, aber jetzt sind alle gefordert, zu handeln. Die Innenstädte mit ihren einst attraktiven Fußgängerzonen verwaisen, es gibt bereits heute Städte, die ihre einst so geliebten „FuZos“ wieder zurückgebaut haben.

Die Situation wurde untersucht

Die Handelsberatung BBE hat festgestellt, dass es nicht pauschal für alle Städte gleich schlecht aussieht. Eine Befragung von 60.000 Passanten in 121 Städten aller Größenordnungen ergab z.B. unter den Kleinstädten auf der Beliebtheitsskala einen ersten Platz für die Stadt Quedlinburg, die 1.200 denkmalgeschützte Fachwerkhäuser, eine historische Altstadt und eine gut erhaltene Fachwerkmauer aufweist.
Das alles hat die zu 90 % zerstörte Innenstadt von Braunschweig nicht. Mit dem Dom, der Burg, dem Burglöwen und den wenigen, noch erhaltenen Fachwerkhäusern gibt es zwar die „Traditionsinseln“, aber das ist noch lange kein Grund, in die Innenstadt zum Einkaufen zu fahren.

Jedes zweite Filialunternehmen verschwindet!

Der Handelsverband Deutschland (HDE) geht von einem Verlust von 50.000 Geschäften in den nächsten Jahren aus, die in zehn bis fünfzehn Jahren verschwinden werden. In Braunschweig ist der Beginn dieser Bewegung nicht zu übersehen. Die Kette H & M schließt Filialen (bereits verschwunden in der Burgpassage), McDonald am Bohlweg hat den Mietvertrag nicht verlängert. Ein Gang durch die Einkaufpassagen Welfenhof, Burgpassage und Dompassage zeigt bereits deutlich den Beginn einer sich abzeichnenden Krise, vom City Point ganz zu schweigen.
Es bleiben Friseure, Nagelstudios, Spielhallen, Back- und Drogeriefilialen neben den immer zahlreicher werdenden Leerständen in der Innenstadt übrig.
Der Onlinehandel hat sich seit 2010 verdoppelt und beträgt derzeit 11 Prozent vom Gesamtumsatz des Einzelhandels. Nach konservativen Prognosen werden es bis zum Jahr 2025 25 Prozent sein, das bedeutet einen Verlust von 100 Milliarden Euro für die Städte!
HDE-Experte Michael Reink stellte diese Formel auf: „Wenn 1.000 Meter Fußgängerzone gleich 100 Prozent Umsatz sind, müsste eine Umsatzverschiebung von zehn Prozent zulasten des stationären Handels eine Verkürzung der Fußgängerzone um 100 Meter bedeuten“ – nur so könnten die übrig gebliebenen Geschäfte ihren Umsatz halten (Quelle: Welt am Sonntag vom 19.2.17).

Warum zum Einkaufen in die Stadt fahren?

Da wird in der Innenstadt die eine oder andere Idee umgesetzt – und verpufft fast wirkungslos. Bänke am Friedrich-Wilhelm-Platz sind dafür ebenso Beispiele wie die vor langer Zeit verlegten „Eulenspiegelsteine“, die Kinder beim Innenstadtbesuch zu Spielgeräten führen sollten, von denen die meisten längst abmontiert wurden, weil sie beschädigt waren oder störten (z.B. am Domplatz).
Die Frage muss aber auch für Braunschweig gelten: Warum sollen die Menschen in die Stadt gehen, sich den Stress bei der Parkplatzsuche antun um sich wie einst zu den „goldenen Zeiten“ bummelnd in den Fußgängerzonen aufzuhalten? Zwischen den Einkäufen einen Kaffee trinken oder etwas anderes genießen? Das geht, wie wir alle wissen, sehr viel bequemer zu Hause am PC. Noch ist Amazon in den Startlöchern, was die Versorgung mit Lebensmitteln angeht, aber Rewe hat bereits ein Lieferwagensystem aufgebaut. Andere werden folgen. Die Outlets auf der „Grünen Wiese“ werden immer attraktiver, und vor allem: sie bieten Parkplätze. Wer an einem Samstag bei Ikea an der Hansestraße war, weiß, was dort los ist.

Die „erste Einkaufsadresse“?

Eine Untersuchung durch die Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland e.V. und des Institutes für Handelsforschung „brachte die Erkenntnis, dass Braunschweig bei der Bedeutung des lokalen Einzelhandels in allen Warengruppen überdurchschnittlich gut“ abgeschnitten hat. 72,5 Prozent der ca. 1.000 Befragten kaufen in der Braunschweiger Innenstadt (Quelle: Haus + Grund, 2/2017). Wie viele Befragte waren das doch gleich? In einer Stadt mit mehr als 250.000 Einwohnern, von denen laut Statistik der Stadt (Stand 2015) mehr als 76.000 in der Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahren sind! Wie repräsentativ sind da „rund 1.000 Befragte“? Wer möchte durch solche Umfrageergebnisse "beruhigt" werden?

Öffentlichen Nahverkehr fördern?

Braunschweigs Innenstadt wird nicht attraktiver durch mehr Busverbindungen und neue Straßenbahnlinien. Nach einer Studie der IHK Hannover fährt fast jeder zweite Verbraucher mit dem PKW in die Stadt. Öffentliche Verkehrsmittel dagegen werden von sechs Prozent genutzt. Aber: Autofahrer geben mit 46 Euro doppelt so viel aus wie Radler und deutlich mehr als ÖNV-Nutzer!
Die Planer aus der Stadt sollten sich mit den Innenstadthändlern zusammensetzen und überlegen, wie dem Trend entgegen gesteuert werden kann. Das wird kaum mit austauschbaren, verkaufsoffenen Wochenenden zu gestalten sein, sondern mit attraktiven Programmen, die junge und alte Käufer in die Innenstadt holen.
Der für Radfahrer teilweise nur zu bestimmten Zeiten freigegebene Innenstadtbereich ist eine Zumutung für viele ältere, aber kaufkräftige Besucher. Leider gibt es bei uns keine erkennbare Regelung. Radfahrer werden z.B. im Bereich Kleine Burg aufmerksam gemacht, dass eine Durchfahrt nicht vor einer bestimmten Uhrzeit erlaubt ist. Kommt der Radfahrer aber z.B. über den Altstadtmarkt/Poststraße, sieht er nur die Freigabe der Fußgängerzone für Radfahrer.

Fußgängerzonen aufheben?

Sicher wäre es eine Überlegung wert, ob es Bereiche in der Innenstadt geben könnte, die als Einbahnstraßen wieder freigegeben werden könnten, wie z.B. vom Bankplatz über den Ziegenmarkt und die Poststraße. Eine generelle Patentlösung gibt es für Braunschweig kaum, und ein Vergleich mit anderen Städten löst nicht unsere Probleme. Der Rückbau der „autogerechten Stadt“ wie z.B. auf der Kurt-Schumacher-Straße, die Verlegung der Bushaltestellen auf die Fahrbahnen, die Einrichtung von aufgepinselten Fahrradwegen entgegen der Einbahn-straßenregelung ist ernsthaft zu hinterfragen, wenn man die Überlegung anstellt, wer eigentlich den Umsatz in die Stadt bringt (siehe oben).
Leider hat unsere Stadt in vielen Dingen die falschen Wege eingeschlagen, dazu gehört auch eine Anhebung der Parkgebühren auf den öffentlichen Stellflächen wie in den Parkhäusern.
Vielleicht wird der eine oder andere Leser angesichts meiner Ausführungen den Kopf schütteln und sagen: Was will Thomas Ostwald uns eigentlich sagen – ist er ein ausgewiesener Stadtplaner? Kann er bei Maßnahmen, die den Einzelhandel betreffen, mitreden, weil er ein Innenstadtkaufmann ist? Nein, natürlich nicht. Ich reise aber sehr gern in die Metropolen und vergleiche. Und ich gehe mit offenen Augen durch unsere Stadt. Ich sammle bei Gästeführungen Informationen von auswärtigen Gästen.
Noch etwas: Rund 35 Jahre dauerte die Massenmotorisierung, die heute die Kaufkraft aus der Stadt hinausbringt. Nur fünf Jahre dauerte die Massenverbreitung von Smartphones, die jederzeit den Zugriff auf das Internet ermöglichen. Freises WLAN gehört zu einer ständig erhobenen Forderung für die Innenstadt. Was glauben Sie wohl, wie lange es dauert, und sich die angekündigte Schließung von Filialen und Einzelgeschäften noch verdoppeln wird?

Meine Prognose:

Schon heute zeigt es sich in zahlreichen Einkaufsstraßen und –gassen (z.B. Bremer Schnoor), was die Chance zum Überleben hat: Kleine, inhabergeführte Geschäfte, die das „gewisse Etwas“ bieten. Kaffeerösterei, Mini-Brauerei mit Ausschank usw., also Geschäfte, die es so nicht im Internet gibt, die zum Genießen und zum Verweilen einladen. Ein attraktives Innenstadtprogramm, das zum Verweilen für viele einlädt. Bestimmt nicht der an sich interessante Lichtparcours (nahezu außerhalb der Stadt) oder die öffentlich ausgestellte Kunst. Das lockt zwar Besucher an, aber dürfte als Kaufkraftverstärker nur ein geringer Anschub sein ("Abendstunden").
Wo sind die Spielmöglichkeiten unter Aufsicht für Kinder in der Innenstadt, wo die Abstellmöglichkeiten für Kinderkarren und nicht benötigtes Gepäck (bitte nicht die Schließfächer am Welfenhof, die sind schon optisch unangenehm!)?

Gemeinsames Internet für die Innenstadtkaufleute?

Es darf wohl bezweifelt werden, dass ein gemeinsamer Internetauftritt der Innenstadtkaufleute – selbst mit eigener App – einen Kaufkraftschub vermitteln wird. Wer heute noch nicht zusätzlich im Internet einen Shop betreibt, wird es wohl auch kaum tun, wenn der (finanzielle) Aufwand ohne sofort erkennbaren Nutzen bei einer solchen Plattform angeboten wird. Vielmehr bieten Internetplattformen wie z.B. Ebay und auch Findeling schon heute Möglichkeiten, einen eigenen Shop dort einzustellen.

Eine Möglichkeit: Mehr Attraktivität durch Historienbezug!

Im Reformationsjahr 2017 möchte auch Braunschweig das Thema für sich in Anspruch nehmen, gut und richtig, denn mit Bugenhagen haben wir etwas zu bieten. Aber, die Frage muss erlaubt sein - wer bitteschön kennt diesen Namen?
Dagegen ist Heinrich der Löwe breiten Kreisen bekannt und vertraut. Noch taucht an den Ortseingängen die Bezeichnung „Stadt Heinrich des Löwen“ auf. Leider wird das nicht so genutzt, wie es in anderen Städten der Fall ist. Positives Beispiel bietet dafür unsere Nachbarstadt Magdeburg mit dem jährlichen Otto-Fest, das Hunderttausende in die Stadt zieht. Viele Städte haben das seit Jahren erkannt und nutzen solche historischen Figuren für sich. Wer von uns würde denn heute z.B. Bad Segeberg kennen, gäbe es nicht jährlich die Karl-May-Spiele? Sicher, wir können mit den Heinrich-Spielen, die in diesem Jahr zum vierten Mal stattfinden, nicht allein dafür sorgen, dass mehr Kunden in die Innenstadt kommen. Aber es wäre eine Chance unter vielen anderen, etwas für die Innenstadt zu bewegen.
Und sicher wäre eine Förderung dieser und anderer Ideen sinnvoller, als eine Werbegemeinschaft zu unterstützen, damit in einem Stadtteil ein Straßenfest stattfinden kann, wie z.B. das Magni-Fest, dem man Subventionen zukommen lassen will, damit es wie bislang durchgeführt werden kann.

Braunschweigs Innenstadt braucht weit mehr als das hier aufgeführte. Ich möchte Denkanstöße geben und die Braunschweiger anregen, sich auszutauschen und an die Politik, das Stadtmarketing und die Verbände wie AAI (Arbeitsausschuss Innenstadt) und ATB (Arbeitskreis Tourismus Braunschweig) Vorschläge zu senden, um die Innenstadt zu einem attraktiven Einkaufserlebnis werden zu lassen.

Mehr zum Thema im Internet

Auf das Thema bin ich durch eigene Beobachtungen gestoßen. Ausschlaggebend für meine Ausführung war der Artikel in der Welt am Sonntag vom 19.2.2017, „Die Fußgängerzonen sterben“. Dem Thema widmen sich auch folgende Artikel, die im Internet zu finden sind, z.B.:
Die Krise der Fußgängerzone in vielen NRW-Städten https://www.derwesten.de/region/rhein-und-ruhr/die...
Verwaiste Fußgängerzonen – den Stadtplanern fehlen ideenreiche Konzepte. http://www.schwiebert.lima-city.de/geschfte-wander...
60 Jahre und ein bisschen öde – (2013!) http://www.sueddeutsche.de/leben/jubilaeum-der-fus...
Die Fußgängerzone. Ihre Entstehung und ihr Einfluss auf die Stadtentwicklung. https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/u...
Ist die Fußgängerzone ein Auslaufmodell? http://www.ruhrnachrichten.de/staedte/werne/Ist-di...;art942,1099075

Die Liste der Berichte zum brandaktuellen Thema ist von mindestens 2013 bis heute sehr gut fortzusetzen. Es ist auch für Braunschweig allerhöchste Zeit, zu handeln. Noch können Weichen gestellt werden. Alle gehören an einen runden Tisch, um sich ernsthafte Gedanken zur Hebung der Innenstadt-Attraktivität zu machen.
Das wäre mein Wunsch als Bürger der Stadt Braunschweig an alle Verantwortlichen.
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8 Kommentare
777
Horst Schmid aus Braunschweig - Innenstadt | 21.02.2017 | 12:01  
6
Wolfgang Terme aus Braunschweig - Innenstadt | 21.02.2017 | 17:29  
6
Gernot Mantz aus Braunschweig - Innenstadt | 21.02.2017 | 17:30  
7
Sascha Waldmann aus Braunschweig - Innenstadt | 22.02.2017 | 12:00  
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Gernot Mantz aus Braunschweig - Innenstadt | 22.02.2017 | 16:24  
7
Sascha Waldmann aus Braunschweig - Innenstadt | 22.02.2017 | 16:38  
7
Sascha Waldmann aus Braunschweig - Innenstadt | 22.02.2017 | 16:51  
6
Herr Braunschweiger aus Westliches Ringgebiet | 27.02.2017 | 00:12  
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