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Der Griff ans schlechte Gewissen

Chris (Andreas Vögler, l.) möchte mit Ann (Rika Weniger), der Verlobten seines verschollenen Bruders eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Mutter Kate (Birte Leest, r.) hat Einwände, und Patriarch Joe (Hans-Werner Leupelt). Foto: Volker Beinhorn
Braunschweig: Staatstheater |

Martin Nimz inszeniert Arthur Millers „Alle meine Söhne“ im Großen Haus des Staatstheaters.

Von André Pause, 08.04.2015.

Braunschweig. „Haste was, dann biste was“, heißt es im Gedicht „Das Werthe und das Würdige“ von – nein, nicht von Arthur Miller – sondern von Friedrich Schiller. Gemeinsam haben der deutsche Dichter des 18. und der US-amerikanische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts etwas, das in der Vergangenheit schon mal als moralischer Kompass bezeichnet wurde. Die Nachteile einer Gesellschaftsordnung, die geradezu begrüßt und fördert, dass das Haben das Sein bestimmt, und die fundamentale Kritik an diesem Zustand bilden gewissermaßen den Dauerthemenkomplex des Dramatikers Arthur Miller.

Sein Joe Keller im Stück „Alle meine Söhne“, das jetzt in der Inszenierung von Martin Nimz im Großen Haus des Staatstheaters aufgeführt wird, ist so ein typischer American-Dream-Aufsteiger. Die Pose sitzt: Scheinbar felsenfest steht Keller, dessen Unfehlbarkeitsschmelze Hans-Werner Leupelt im Laufe von zweieinhalb Stück-Stunden eindrucksvoll erspielt, auf der erhöhten Bühne. Regisseur Nimz stilisiert ihn mit Cowboyhut und Zahnstocher im Mundwinkel als eine Melange aus Marlboromann (Gott hab‘ ihn selig) und J. R. Ewing, dem ölig-bösen Schmierlappen aus Dallas.
Um ihn herum erfolgt eine Art Familienaufstellung, was zunächst einer Bestandsaufnahme der äußerlich heilen Welt der Kellers gleichkommt, welche Patriarch und Selfmademann Joe seinen Liebsten gebaut hat, als Zulieferer aller möglichen Maschinenteile.

Die eigenheimische Idylle zerklüftet jedoch zusehends am Griff an das schlechte Gewissen. Sohn Larry ist seit Jahren verschollen, und alle außer Mutter Kate Keller halten ihn für tot. Birte Leest taktiert in der Gattinnen-Rolle wunderbar janusköpfig für das kleine Glück. Sie weigert sich, im Sinne der aufrecht zu erhaltenden Fassade, zu glauben, was nicht sein darf: dass Joe seinem Geschäftspartner Steve Deever wissentlich fehlerhafte Maschinenteile zur Auslieferung untergejubelt und so den Tod von 121 Menschen mitverursacht hat.

Am selben Tag, an dem Deevers Tochter Ann (Rika Weniger), die zugleich Larrys Verlobte war, auf Einladung des zweiten Sohnes und unternehmerischen Thronfolgers Chris (Andreas Vögler) im Keller-Haus vorbeischaut, um ausgerechnet mit diesem in eine gemeinsame Zukunft aufzubrechen, besucht deren Bruder George den im Gefängnis sitzenden Vater Steve. Mit reformiertem Glaubens- und Wissensstand drängt es ihn hernach ebenfalls zu Joe.

Theatermittel symbolisieren den nun folgenden Bruch: Auf der vorderen Leinwand bollert eine Eisenbahn, wo zuvor Wind sachte durch Grashalme blies, und auf der hinteren weicht der leicht bedeckte Himmel blutroten Nebelwolken. Das Gefühlsfass zum Überlaufen bringt dann allerdings nicht direkt der von Oliver Simon energisch gegebene George, sondern die zwischen den familiären Mahlsteinen fast zerriebene Ann. Sie präsentiert den an ihre Person gerichteten Brief Larrys in höchster Verzweiflung zunächst Kate und später Joe. Aus diesem geht hervor, dass der Sohn aus Scham vor dem väterlicherseits verursachten Exodus seiner Kameraden selbst den Freitod gewählt hat.

Das Ende des Dramas lässt Nimz Inszenierung, trotz dramaturgischer Klammer, die Joe Keller mit dem Revolver im Mund zeigt, offen. Es knallt nicht, doch gefühlt wird der Täter so oder so zum Opfer seiner Handlungsweise, die das eigene Wohl vor das der Gemeinschaft stellt – ganz egal, ob tot oder doch lebendig.

Auch andere Aspekte werden in dieser Produktion ausgeblendet, beziehungsweise verallgemeinert. Das Thema Krieg bleibt gar komplett außen vor, und auch ob es sich beim soldatischen Schicksal wie in der Vorlage um einen Flugzeugabsturz handelt – obschon das Trümmerfeld zu Beginn aktuelle Vergleiche evoziert –, wird nicht explizit beantwortet. Dringlichkeit behält das Stück vor allem dank des spielfreudigen Ensembles. Regisseur Nimz ist mit seiner Arbeit nah am Menschen, nah am Heute. Der sich an vielen Punkten der Inszenierung bietende Interpretationsspielraum erscheint letztlich aber eine Nuance zu üppig bemessen.
Die nächste Vorstellung ist am 12. April. Infos: staatstheater-braunschweig.de
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