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Der Bürger als statistische Größe

Festival Theaterformen startete mit Doku-Stück „100 Prozent Braunschweig“ im Großen Haus.

Von Andre Pause, 03.06.2012.

Braunschweig. Auch wenn es immer mal wieder erhellende, komische oder gar rührende Momente gab: Insgesamt gestaltete sich der Auftakt des Festivals Theaterformen mit „100 Prozent Braunschweig“ ein wenig zäh.

Das dokumentarische Stück der Gruppe Rimini Protokoll ist eine stadtspezifische Weiterentwicklung. In Berlin, Wien, Köln und Karlsruhe wurde es bereits realisiert. Jetzt hat das Künstlertrio auch Braunschweig auf dem Programm. Der Rahmen des Stückes ist stets gleich: Ausgehend von einer Person werden in einer Kettenreaktion 100 Bewohner rekrutiert, die in fünf Kategorien dem statistischen Abbild der Bevölkerung entsprechen: Geschlecht, Alter, Familienstand, Staatsangehörigkeit und Wohnbezirk.
Zur Premiere im Großen Haus: Nach einer überaus ausgiebig empfundenen Vorstellungsrunde geben die Pars-pro-Toto-Braunschweiger in mehreren Spielen 90 Minuten lang Antworten auf allerhand Fragen. Dabei bestimmt die jeweilige Antwort die Gruppenbildung – via Gestik, Aktionsradius oder Bühnenposition geben die Akteure dem Zuschauer persönliche Einstellungen und Standpunkte Preis. Was macht Braunschweig um 22, 23 und so weiter Uhr? Wer hat mehr als einen Pass? Wer befürwortet Kernenergie? Wer hat Schulden? Die Resultate der Ermittlungen fallen zumeist nicht sonderlich spektakulär aus, Braunschweig halt: Zwei junge Typen sind anscheinend nur am Saufen, das Verhältnis von Wohnraumeigentümern zu Mietern ist in etwa ausgeglichen, ein paar Schwarzfahrer gibt es auch. Interessant wird die Sache, wenn Kriegsdienstverweigerer zugeben, dass sie zu Hause Waffen im Schrank haben, ein Verbindungsbruder den Agent provocateur gibt und damit das Publikum gegen sich aufbringt, in der anonymen Fragerunde mit bunten Leuchten ein wirklich beträchtlicher Anteil einräumt, schon einmal den Partner betrogen zu haben oder die Schar der Todesstrafe-Fans überraschend jung und weiblich ausfällt.
Schön ist die Bühnenidee mit der kreisrunden Projektionsfläche, die zeitweilig den Charakter eines Brennglases erhält. Und, ja, mein Gott: Die Kinder sind natürlich auch niedlich. Was letztlich aber nichts daran ändert, dass sich der Abend streckt und streckt und streckt. Trotz allem gibt es warmherzigen Beifall im fast ausverkauften Großen Haus.
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