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Der berührende Holländer

Herman van Veen wird in der Stadthalle gefeiert – drei Stunden voller Witz, Charme und Poesie.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 21.04.2013.


Braunschweig. Das hat der alte Mann aber gut gemacht. Steht so harmlos auf der Bühne, schwarze Opahose, blaues Hemd. Und gibt sofort Gas. Gleich das erste Lied „In unserer Straße“ geht druckvoll nach vorn, rhythmische Gitarrengrooves und teuflisch schnelle Geigen klingen nach Andalusien – mit niederländischem Akzent.

Herman van Veen? Ist das nicht der Typ mit dem Fratz und dem Kinderrad? Geht da überhaupt jemand hin? Mit dieser Unwissenheit stand ich aber mächtig allein. In langen Schlangen schoben sich die Fans in die Stadthalle. „Was? „Bei van Veen ist es doch immer voll“, erklärt mir eine Besucherin. Braunschweig und Herman van Veen – das fühlt sich an wie eine alte Freundschaft. Eine liebevolle Verbundenheit ist im Saal fast greifbar, tiefe Zuneigung auf beiden Seiten.
„Früher“, erzählt die Besucherin aus der Warteschlange in der Pause, „früher war er ein ganz verrückter Entertainer, ist mit dem Hollandrad über die Bühne gebrettert, hat den dollsten Unsinn gemacht, heute ist er eher poetisch.“
Na ja, Unsinn macht der 68-Jährige noch immer jede Menge. Schwer zu beschreiben, was er da eigentlich genau abliefert, Schubladen sind für ihn auf jeden Fall zu eng. Diese Mischung aus Gesang und Erzählungen, Comedy, Pantomime, Zauberei und Slapstick, so zutraulich und völlig ohne Scheu präsentiert, mit großer Geste, manchmal etwas viel Pathos, dafür umwerfend offen und ehrlich – das hat etwas Berührendes, öffnet die Herzen, geht ans Gemüt. Genauso unkompliziert bewegt er sich zwischen Extremen: Singt ein Lied, das ein 17-jähriges Mädchen in einem Konzentrationslager geschrieben hat und erzählt im nächsten Moment irgendeinen skurrilen Witz.
Musikalisch begleitet wird van Veen von seiner barfüßigen Gitarristin Edith Leerkes, Erik van der Wurff am Piano, Geigerin Jannemien Cnossen, Trommel- und Perkussionskünstler Willem Wits und Bassist Dave Wismeijer. Eine wirbelnde, virtuos aufspielende Kapelle, voller Spielfreude und Temperament; van Veen mittendrin, spielerisch wechselt er die Instrumente. Und beherrscht sie alle.
Der größte Zauber aber liegt in seiner Stimme. Schon mit den ersten Akkorden ist die Erinnerung wach; auch wenn er den kleinen Fratz an diesem Abend nicht singt, seinen kraftvoller Bariton, der in den Höhen in einem leisen, melancholisch-sehnsuchtsvollen Timbre schwelgt, erkennen wir sofort.
Hermann van Veen ist geschieden („die Kinder sind gelungen, die Ehe nicht“) und liebender Großvater: „Wenn ich gewusst hätte, wie schön es ist, Enkel zu haben, hätte ich sie zuerst genommen.“ Für seine Enkel Sylvain und Sebastian singt er „Für einen Kuss von dir auf meine Nasenspitze“ und dann erzählt er, wie er Freude bastelt, Sterne pflückt und Mut schöpft. Alles für diesen einen Kuss von einem Kind. Braunschweig fühlt mit.
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