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Der Aufbruch in die schöne neue Welt

Die kleine Wiese vor dem Alten Bahnhof ist wie geschaffen für intime Konzertmomente. Fotos: André Pause

Briefe, Fotografien und Filme von Auswanderern als jazzige Erinnerungen an 1913 atmosphärisch dicht inszeniert.

Von André Pause, 25.08.2013

Braunschweig. Richtig gemütlich kann so ein Sommerabend vor der Kulisse des Alten Bahnhofs sein, wenn das Wetter stimmt – und es dazu noch etwas auf die Lauscher gibt – zum Beispiel jazzige Erinnerungen an 1913.

Literat Tilman Thiemig, Schauspielerin Kathrin Reinhardt und Sängerin Britta Rex nutzten, begleitet von Jan-Heie Erchinger am Piano und Geza Gal an der Trompete, die Gunst der lauen wie regenfreien Abendstunde für eine szenische Melange aus Gesang und Zeitzeugentext, in der sie unter dem Titel „Aufbruch in eine neue Welt“ alltägliche Auswanderererfahrungen aus dem Jahr 1913 interpretierten. Flankiert wurde die Bühne durch eine Videoinstallation von Christian Niwa. Historische Schwarz-Weiß-Bilder und farbfilmische Aktualität flossen hier auf zwei Bildschirmen flackernd ineinander, verdrängten oder neutralisierten sich gegenseitig.
Briefe, Fotografien und Filme von Auswanderern, die aus Unzufriedenheit mit den Lebensverhältnissen in der Alten Welt oder aus purer Abenteuerlust in die Vereinigten Staaten aufbrachen, Zeugnisse aus dem Braunschweiger Alltagsleben sowie Erinnerungen an die Fürstenhochzeit trafen damit auf frühen Jazz und Gassenhauer der Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts. Besonders anschaulich gelang dem Ensemble die Dokumentation der Überfahrt. Zu dem von Rex interpretierten „What Shall We Do with the Drunken Sailor“ und dem von Reinhardt gesungenen „Kein schöner Land“ berichtete Thiemig da von „Träumen im Zwischendeck“. Diese erstreckten sich von der Freude über das Wasserklosett bis zur Erleichterung, auf dem „Weg der Verheißung“ der Trostlosigkeit für mindestens eine Woche entkommen zu sein.
Eine Nuance beschwingter wurde es, was die Musik anbelangt, zum Schluss der einstündigen Performance. Die Schilderungen evozierten dabei durchaus klare Bilder im Kopf des Zuschauers. Man meinte, die großen Augen und offenen Münder der in Amerika angekommenen Auswanderer förmlich vor sich zu sehen. Die ersten Beobachtungen der Glücksucher in der neuen Heimat schwankten dabei zwischen Skepsis und Zuversicht – und anerkennender Bewunderung. „37 Häuser übereinander“, intonierte Tilman Thiemig im milde wahnsinnigen Graf-Zahl-Duktus. Na, guck mal, komisch war’s also auch noch.
Der Applaus für die atmosphärische Mixtur aus modernen amerikanischen Jazzvariationen, Großstadtbildern und dem Leben in der Braunschweiger Provinz anno 1913 fiel zurecht freundlich aus.
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