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Der alte Kaiser dankt jetzt ab

Anatoli Golev singt auf dem Burgplatz – Der Mann aus Sibirien setzt auf Disziplin und Fleiß.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 04.09.2011.


Braunschweig. „Sonnenblumenkerne und Nüsse sind Gift – jedenfalls für einen Sänger kurz vor dem Auftritt“, sagt Anatoli Golev. Er muss es wissen: ein „alter Hase“ im Opernzirkus und aktuell der alte Kaiser in Turandot.

„Anatoli Golev hat als Kaiser Altoum die kleinste Gesangspartie, aber als Darsteller die größte Bühnenpräsenz. Mit einer Bewegung, einem Blick fasziniert und fesselt er – eine grandiose schauspielerische Leistung“ – eine Kritik aus OMM, dem renomierten Online-Musikmagazin zur Turandot-Premiere. Das freut den Sänger, diese Kaiserrolle ist seine letzte. Zumindest als festes Ensemblemitglied am Staatstheater Braunschweig. Fast 18 Jahre schon gehört er hier zum Opernchor. Und nun, zum Abschluss seiner Dienstzeit, noch einmal eine Solistenrolle.
Der Schritt vom erfolgreichen Tenor in die „zweite“ Reihe fiel Golev nicht ganz leicht, aber das Glück mit seiner Frau Elmira stand auf dem Spiel. „Eine Künstlerehe“, sagt er, „das ist kompliziert.“ Elmira Kuguschewa, eine gefeierte Sopranistin, war ebenfalls ständig unterwegs, beide viel beschäftigt, immer an anderen Häusern, immer getrennt. Nichts auf Dauer.
„Da kam das Angebot in Braunschweig genau richtig“, blickt Anatoli Golev zurück, „wir brauchten einen festen Platz für unser Glück.“ Hauptsache singen. Schon als kleiner Junge in seinem Heimatdorf in Sibirien war allen klar: Der Junge wird Sänger. „Geh zum Studium nach Omsk“, hatte ihm seine Lehrerin empfohlen; ein guter Rat, wie sich herausstellen sollte. Disziplin, Ausdauer, Fleiß – Tugenden, die für Anatoli Golev zum Erfolg gehören. „Übung macht den Meister“, zitiert er die Volksweisheit, die er lebt. Nach dem Studium nahm er – neben seinem Engagement als Solist an der Staatlichen Philharmonie in Moskau – zehn Jahre lang Gesangsunterricht. Jeden Tag.
Nach dem Mauerfall wurde alles anders. Die Sowjetunion löste sich auf und mit ihr viele Bühnen und staatliche Theater. Golev und seine Frau nahmen die Chance wahr und gingen nach Deutschland. Golev liebt Max Lorenz, den berühmten Tenor der 20er und 30er Jahre. „Mein großes Vorbild“, sagt er „niemand konnte Wagner so schön singen wie dieser Mann“, schwärmt er und bedauert, dass Lorenz in Vergessenheit geraten ist.
Ein Festengagement führte Anatoli Golev an das Deutsch-Sorbische Theater in Bautzen, dann kam Braunschweig.
Eigentlich ist er schon seit September 2010 in Rente, aber sein Vertrag wurde verlängert. Nun, nach der Kaiserrolle in Turandot, ist Schluss. Zumindest offiziell. „Mal sehen, was kommt“, sagt der aktiv wirkende Mann.
Auf jeden Fall ist Anatoli Golev auf alles vorbereitet, denn seine Stimme ist bestens trainiert. Seine Frau arbeitet inzwischen als Gesangslehrerin und gibt auch ihrem Mann immer wieder einige Übungsstunden. „Kluge Sänger können über kleine Schwächen hinwegtäuschen“, verrät er.
Aber Schwächen hat er selten, und um die Tücken seines Berufes weiß der alte Hase bestens Bescheid. Geraucht hat er nie, und die Sache mit den Nüssen und Sonnenblumenkernen ist ebenfalls geklärt: „Das Öl macht die Stimmbänder zu weich, die darfst du erst nach dem Auftritt essen.“
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