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Den gierigen Gekkos die Coolness rauben

Rasante Uraufführung von Eike Hannemanns Live-Hörspiel „Wall Street“ im U22 – Noch vier weitere Vorstellungen.

Von André Pause, 23.10.2011

Braunschweig. Tuuut, tuuut! Bamm! Drrrrrrr! Klick, klick! Keine Bange: Die Tassen sind noch alle im Schrank, es handelt sich lediglich um Nachwirkungen der Uraufführung des Live-Hörspiels „Wall Street“ von Eike Hannemann im U22.

Der Regisseur inszeniert Oliver Stones gleichnamigen kapitalismuskritischen Filmklassiker aus dem Jahre 1987 als Zweipersonenstück (vor allem) für die Ohren. Auf der Bühne: Sprechertische, Mikrofone, Retrotelefone, Flaschen, Schuhe, Schallplatten aus der Yuppie-Ära und vieles mehr, denn Louisa von Spies und Tobias Beyer verkörpern nicht nur alle wesentlichen Charaktere der in diesem Fall anderthalbstündigen Geschichte, sie sorgen obendrein auch noch für die komplette Atmo des Stückes.
So simuliert ein mit der Fahrradluftpumpe zum ploppen gebrachter Stöpsel einen knallenden Sektkorken, ein handelsüblicher Handmixer mutiert tonal zur Bohrmaschine oder eine Fußbadschüssel mit Wasser ersetzt vorm Mikrofon mit Hallfunktion einen Swimmingpool. Für die authentische musikalische Untermalung des Geräuschespektakels füttert DJ Beyer den Tonabnehmer eines Plattenspielers mit 80er-Jahre-Vinyl.
In der Dekade der Dauerwellen und Schulterpolster will der junge Börsenmakler Bud Fox das schnelle Geld machen. Nachdem er sich dem skrupellosen wie steinreichen Spekulanten Gordon Gekko andient, scheint sein Traum in Erfüllung zu gehen. Durch Gekko wird Bud jedoch in einen Strudel krimineller Machenschaften gezogen. Als Gekko die Fluglinie, bei der Buds Vater beschäftigt ist, zu ruinieren droht, erkennt das Greenhorn seinen Irrtum. Das Gewissen besiegt die Gier, und mit einer List gelingt es ihm, seinem ehemaligen Förderer das Handwerk zu legen.
Diese Story erzählen die beiden Schauspieler – oder sollte man hier ausnahmsweise Hörspieler sagen? – durch die Texte der einzelnen Charaktere. Louisa von Spies vertont den jungen Bud, Tobias Beyer den Finanzhai Gekko. Darüber hinaus sprechen beide noch jeweils mehr als eine Handvoll weiterer Personen. Das gelingt ihnen mit viel Verve. So gut, dass die Melange aus starken Dialogen und authentischer Geräuschkulisse sogar ohne visuelles Zutun wirken würde. Aus der vorzüglichen Gesamtleistung Einzelheiten hervorzuheben ist daher beinahe unmöglich. Lobend sollte noch erwähnt werden, dass Regisseur Hannemann der Situationskomik durchaus großzügig Raum gibt, und dass sowohl Louisa von Spies als auch Tobias Beyer diesen gekonnt zu nutzen verstehen. Derart mit einer coolnessraubenden Prise Lächerlichkeit versehen, geben Typen wie Gekko den Menschen nämlich nicht annähernd so viel Anlass zum Fraternisieren wie es der Film im Nachgang – wenn auch unbeabsichtigt – getan hat.
Die Weltwirtschaft befindet sich in Verhältnissen der Unwucht, und die Gier der Gekkos ist daran sicherlich nicht unschuldig. Daher gibt es weltweit Demonstrationen, sind Proteste gegen die Finanzbranche zur globalen Bewegung geworden. Allein deshalb ist das Aufgreifen des Oliver Stone-Stoffes gerechtfertigt. Eike Hannemann gelingt darüber hinaus, schon formatbedingt, eine sehr eigenständige Fassung. Für ihn und die Schauspieler gibt es starken Premierenapplaus.
Weitere Vorstellungen gibt es am 27. Oktober um 20 Uhr sowie am 3., 12. und 27. November jeweils um 21 Uhr. Informationen hierzu finden Sie im Internet unter: www.staatstheater-braunschweig.de.
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