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Das Unterdrücken der Reflexe

Timothy Peach. Foto: oh

Die Komödie am Altstadtmarkt zeigt „Ziemlich beste Freunde“ – Timothy Peach in der Hauptrolle.

Braunschweig, 08.04.2016.

Vom 24. April bis zum 9. Juni spielt Timothy Peach in der Komödie am Altstadtmarkt den querschnittsgelähmten Philippe im Stück „Ziemlich beste Freunde“, das auf der Autobiografie „Le second souffle“ des ehemaligen Pommery-Geschäftsführers Philippe Pozzo di Borgo basiert und von Olivier Nakache und Éric Toledano vor fünf Jahren mit großem Erfolg verfilmt wurde. André Pause hat mit Timothy Peach gesprochen.

? Herr Peach, „Ziemlich beste Freunde“ lief sehr erfolgreich im Kino. Was unterscheidet die Leinwand- von der Bühnenversion?

! Im Theater ist es so, dass wir bestimmte Sachen nicht so spielen können wie im Film, zum Beispiel die Verfolgungsjagd mit der Polizei im Maserati gleich am Anfang. Unser Vorteil ist, dass alles live und echt ist, dass es keinen Schnitt gibt, der mich davor rettet, dass ich mich nicht doch an der Nase kratze. Gegenüber dem Film gibt es natürlich eine theatralische Verdichtung. Das Publikum ist teilweise noch näher an der Geschichte dieser außergewöhnlichen Freundschaft dran, weil es sich so bündelt und konzentriert, und es wenig Ablenkung gibt.

? Sie spielen den querschnittsgelähmten Philippe. Wie fühlt sich das für einen nichtbehinderten Schauspieler an?

! Das ist für mich als Schauspieler schon extrem komisch, weil die Arbeit normalerweise ja dahingeht, dass man eine Figur mit Leben füllt. Hier ist es das absolute Gegenteil: Ich muss quasi alles abschalten, soweit das nur geht. Das erfordert jeden Tag große Disziplin. Es ist zudem sehr extrem, weil ich hinter der Bühne viele sehr schnelle Umzüge habe, so dass der Kreislauf wirklich richtig hochschießt, und ich dann aber sofort wieder in totale Starre verfallen muss. Ich muss feststellen: Dieser Wechsel ist etwas, dass mein Körper überhaupt nicht mag. Ich werde schon ziemlich steif. Die Knie und die Gelenke tun weh nach zweieinhalb Stunden. Insofern ist das erste selbstgehaltene Bier nach der Vorstellung: super! Ich glaube, ich mache es nur deswegen. (lacht)

? Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

! Ich denke, da kann man sich gar nicht drauf vorbereiten. Ich habe erst im Lauf der Proben gemerkt, was das mit einem tatsächlich anstellt. Der Körper hat ja ein ganzes Paket an Schutzreflexen für außergewöhnliche Situationen, und diese Reflexe galt es abzustellen. Wenn man Gefahr läuft, irgendwo hinzufallen, dann schützt man sich, indem man die Arme hochnimmt. Das sind alles Sachen, die ich hier nicht machen darf. Deswegen musste ich ganz genau analysieren: Wo besteht die Gefahr, dass der Körper irgendwelche Reflexe macht. Die musste ich unter Kontrolle bringen. Aber das lief alles ganz anders, als ich dachte.
Das komplette Interview lesen Sie auf www.unser38.de.

? Inwiefern?

! Zum Beispiel gestikuliere ich gerne mit den Händen. Ich habe das dann weggelassen, und dann fing mein Körper an, das mit der Schulter zu machen. Das darf ich natürlich auch nicht. Es war so ein sukzessives Abschalten von körpereigenen Reflexen. Aber es passiert immer wieder. Letztens bei einer Vorstellung bin ich zu nah an den Rand gefahren, da habe ich mit dem rechten Fuß gebremst, so wie ich es beim Auto kenne. Das ist natürlich völliger Blödsinn, weil ich den Rollstuhl so gar nicht anhalten kann.

? Sie sind, gerade in einschlägigen TV-Serien, oft auf den romantischen Typ festgelegt. Für Ihr Stammpublikum ist die ernste Facette des Stoffes sicher etwas ungewohnt?

! Das glaube ich nicht. Es steckt ja schon eine romantische Geschichte dahinter. Das ist ja der Kniff: es gibt eine schöne Liebesgeschichte. Mein Pfleger sorgt dafür, dass ich meine Brieffreundschaft nicht nur geistig kennenlerne, sondern auch körperlich. Der große Clou, das Märchen dieses Stückes besteht darin, dass es am Schluss diese erfüllte Liebe gibt. Das war ja dann auch in Wirklichkeit so. Der echte Philippe Pozzo di Borgo hat seine Brieffreundin kennengelernt und auch noch zwei Kinder mit ihr gekriegt. Es ist also ein ganz romantisches Ende und da bin ich dann wieder in meinem Rollenfach angekommen, da kann ich wieder schmachten. (lacht)

? Ist Ihnen dieses Rollenklischee manchmal nicht auch zuwider?

! Ich suche mir schon auch Rollen, wo ich eine gewisse Herausforderung habe. Ich finde aber auch, dass man versöhnlich damit umgehen und sagen muss: Wenn die Leute den Romantiker in mir sehen, dann gebe ich ihnen das. Ich sorge dafür, dass mein „Ich liebe Dich“ so toll ist, dass sie beim nächsten Mal wieder einschalten. Die Perspektive hat sich einfach ein bisschen verschoben. Früher hat mich das furchtbar genervt. Da dachte ich, ich möchte jetzt mal den Mörder spielen. Das habe ich aber auch alles schon gemacht.

? Also doch wieder Romantik?

! Es gibt halt eine gewisse Zuschauererwartung. Und wenn man die mit einer Topqualität befriedigt, ist das vollkommen in Ordnung. Manchmal denke ich: Hauptsache, die Leute sehen überhaupt noch etwas in einem. (lacht) Vielleicht kriege ich ja jetzt nur noch Rollen mit in einem Rollstuhl. Man wir ja hinterher oft ein Opfer der Rollen. Ich habe das alles schon erlebt. Da lesen die Leute, dass ich Engländer bin, und fragen sich, ob ich überhaupt deutsch kann. Meinen ersten großen Fernsehfilm habe ich mit Michael Verhoeven gemacht, dem Mann von Senta Berger. Da ging es um einen Pfarrer, der eine heimliche Geliebte hat. Der Film wurde bei einem Festival in München gezeigt, und da fragte eine Reporterin: Warum muss denn da so ein amerikanischer Schauspieler kommen und von Elmar Wepper synchronisiert werden. Da kann man dann nur sagen: Was soll’s. Ich weiß, was ich da gespielt habe, und das ich das gespielt habe.

? Sie sind seit 1990 als freier Schauspieler tätig, also oft unterwegs. Ihre Frau Nicola Tiggeler ist ebenfalls Schauspielerin. Da ist die gemeinsame Zeit sicher knapp

! Wir sind einfach wahnsinnig offen im Dialog miteinander. Wenn ich unterwegs bin, dann telefoniere ich jeden Tag drei Mal mit meiner Frau. Wir lassen uns einander nicht aus, es gibt keinen Prozess der Verschlampung. Wir fordern einander immer noch, obwohl wir jetzt schon bald 27 Jahre zusammen sind. Ich muss sagen das ist echt schön und spannend und wir sind gerade in einer Phase, wo es immer besser, tiefer und noch emotionaler wird. Die Kinder sind groß, die gehen jetzt langsam aus dem Haus, und irgendwie haben wir das Gefühl, dass wir das schon ganz gut hinbekommen. Wir sehen um uns herum fast nur noch Scheidungen und Patchworkfamilien. Da sind wir richtige Fossile, Beziehungsdinos. Früher dachten wir: oje ist das spießig, aber mittlerweile finden wir das echt geil. (lacht)

? Sie haben das Schlusswort. Vielleicht noch mal zum anstehenden Stück

! Es ist eine Form von Stück, wie ich sie sehr liebe, weil sie genau das bietet, was gutes Theater bieten soll: es ist sehr unterhaltsam, schreiend lustig teilweise, es ist wahnsinnig spannend und vor allem extrem emotional. Wir heulen jeden Abend Rotz und Wasser. Es ist eine emotionale Achterbahn, und ich habe noch keinen Zuschauer erlebt, der nicht mit einem fetten Grinsen aus dem Theater rausgekommen ist, und dann vielleicht am nächsten Tag einen Rollstuhlfahrer ganz anders ansieht. Es ist jeden Abend eine tolle Reise. Ich persönlich habe, dass passiert ungefähr bei der Hälfte der Vorstellungen, ein Highlight, dass wenn ich beim Applaus aufstehe, das Publikum mit mir aufsteht. Das hatte ich bisher bei keinem Stück. Das ist sehr berührend, und da merke ich, dass die Leute bei mir waren. Das ist jeden Abend eine kleine Auferstehung – jeden Abend Ostern. (lacht)
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