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Das Spiel mit Sinn und Räumlichkeit von Sprache

Künstlerin Antonia Low (l.) und die Restauratorin Anja Stadler bei der Arbeit an einer der Gewandskulpturen aus der Rotunde des Hauses Salve Hospes. Fotos: André Pause
 
Dirk Bell vor seiner unbetitelten Mixed Media Installation im Haus Salve Hospes, die im Rahmen der Ausstellung „NOWhere“ zu sehen ist. Foto: Pause

Ausstellungen von Dirk Bell und Antonia Low sind bis zum 24. August im Kunstverein zu sehen – Künstlergespräch mit Antonia Low am 24. Juli.

Von André Pause, 06.07.2014.
Braunschweig. „Gut lesbar“ sei die Ausstellung des in Berlin lebenden Künstlers Dirk Bell im Kunstverein Braunschweig, findet Hilke Wagner, die Direktorin des Hauses am Lessingplatz.

Recht hat sie, und noch klarer wird die Aussage, vergleicht man die aktuelle Schau mit der vorangegangenen von Maria Loboda.
Im Haus Salve Hospes, wo eben noch Hypothesen und ein bis zur Waghalsigkeit reduziertes Konzept die Szene bestimmten, gibt es nun Geschichten zu erleben, die menschliche Grundsatzangelegenheiten aufgreifen. Die wiederkehrende Frage: „Was macht das Leben aus?“ wird mit Blick auf Zäsuren aller Art in den Fokus gestellt. Die Antworten des in Berlin lebenden Bell (1969 in München geboren) sind einerseits ambivalent und komplex, andererseits aber auch sinnlich, ganz so wie das Leben an sich.
Die Gemeinsamkeit der Arbeiten: Alles scheint eine Art poetisches und prozessorientiertes Hinspiel vom Ausgangspunkt zum Resultat zu sein. „Wenn ich etwas mache, bin ich überrascht, was passiert“, sagt der Künstler, der das Werk erst dann endgültig als solches belässt, wenn er Gefahr läuft, diesem im nächsten Bearbeitungsschritt, wie er selbst sagt, die Würde zu nehmen.
Schon der Titel der Ausstellung – „NOWhere“ – weist den thematischen Weg. Es geht um Felder auf und um Kontexte, in denen partiell unvereinbar erscheinende Sehnsüchte und Zustände wie Liebe und Freiheit, Leben und Tod oder Ende und Ewigkeit immer wieder neu ausbalanciert werden. Im Eingangsbereich beispielsweise prangt in Majuskeln das Wort Eternity (Ewigkeit) über den Köpfen an der Brüstung der Rotunde – als rot illuminiertes Versprechen. Dem entgegen setzt Bell, ausgerechnet an der Stelle, an der sich sonst die Gewandskulptur der Concordia befindet, eine asketische Figur Namens Amaia. Was im Baskischen so viel bedeutet wie Ende. Hier wird deutlich, dass es bei Bells Arbeiten insofern keine Klarheit gibt, als dass immer mehr als eine Lösung, noch spezifischer: eine Lesart, infrage kommt.
Seine sinnliche, im Wollen zarte Bilderwelt – inspiriert durch philosophische Literatur, Fiction-Illustrationen oder durch Motive älterer Ölgemälde – kontrastiert Bell, der von 1996 bis 2000 bei Walter Dahn an der HBK Braunschweig studierte, unter anderem mit sachlich-systemischen Wortskulpturen. Hier laufen – basierend auf einer quadratischen Grundform – Buchstaben so subtil und vertrackt ineinander, dass die Bedeutung beziehungsweise das Erkennen der Bedeutung zur Geduldsprobe wird. Das Spiel mit dem Sinn und der Räumlichkeit von Sprache zieht sich durch weite Teile dieser äußerst sehenswerten Ausstellung. Am sichtbarsten wird es in den Arbeiten „Panikearth“ und „Denkende“. Im Umfeld pervertierter Regale eines schwedischen Möbelherstellers hängt ein Leuchtkasten mit dem Labelnamen Panikearth. In diesem verstecken sich zum einen die Begriffe Panik und Earth, aber auch die Namen zweier Verursacher von Panik in der globalisierten Welt: Ikea und Nike. Im Nachbarraum mäandern flächendeckend die stählernen Lettern eines Paravents. „Denkende“ verschränkt das Denk-Ende mit der Denkenden, denken und – Ende.
In der Remise reagiert Antonia Low (1972 in Liverpool geboren) unterdessen auf die Bestimmungen der ihr zur Verfügung stehenden Räume.
Sie inszeniert die professionelle Restaurierung der vier Gewandskulpturen des Hauses Salve Hospes. Die römischen Göttinnen Minerva, Vesta, Pax und Concordia werden idealisiert, während das Bodentuch, auf dem die gekippte Architektur der Salve Hospes Rotunde zu sehen ist, die Spuren der Arbeit erleidet.
Beide Ausstellungen bis zum 24. August im Kunstverein am Lessingplatz. Weitere Infos unter www.kunstverein-bs.de .
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