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Das Spiel mit den Möglichkeiten und der Illusion

Künstler Ebbe Stub Wittrup vor seiner Arbeit „After Matyushin‘s Guide to Colour“ (2014).

Neue Ausstellungen im Kunstverein: „Figures of Perception“ von Ebbe Stub Wittrup und „Avantgarde & Desaster“ von der Künstlergruppe Famed.

Von André Pause, 18. März 2016.

Braunschweig. Wirklich oder unwirklich, möglich oder unmöglich – mit „Figures of Perception“, seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland spürt der dänische Künstler Ebbe Stub Wittrup (1973 in Aarhus geboren) im Kunstverein Braunschweig diesen Fragen nach.

Wittrups Objekte, Fotografien, Installationen und Filme knüpfen an Phänomene der Wahrnehmungspsychologie, mythische Erzählungen oder die Kunstgeschichte an, fungieren als Nebelkerzen im streng rationalen Denkprozess, die den Betrachter im Ergebnis an allzu eindeutigen Antworten zweifeln lassen.
Das Ausgangsmedium des Künstlers ist die Fotografie. Als vermeintlich neutrales Aufzeichnungsinstrument lädt sie dazu ein, Realität und Abbild wieder und wieder zu hinterfragen. So sind beispielsweise die separat drapierten Gipsmodelle der ausstellungstitelgebenden Arbeit „Perception Figures“ sehr viel größer, als sie in der zwölfteiligen Fotoserie Wittrups erscheinen. Mit dieser nimmt der Künstler Bezug auf Zeichnungen des dänischen Psychologen Edgar Rubin, der die menschlichen Sehgewohnheiten, insbesondere die Unterscheidung zwischen Figur und Hintergrund sowie Repräsentation und Abstraktion erforscht hatte. Dabei betont Wittrup im Gegensatz zur Wahrnehmungspsychologie, die auf klar erkennbare Formen mittels flächiger Schwarz-Weiß-Darstellungen abzielte, Grauabstufungen, inszeniert durch Beleuchtung, Zwischentöne und -räume, bis sich im Ensemble eines Motivs Beziehungen herauskristallisieren.
Immer wieder stößt der Besucher auf formale wie inhaltliche Zurückführungen. Die einfarbigen Fotogramme der Serie „After Matyushin‘s Guide to Color“ sattelt auf Mikhail Matyushins „Gesetzlichkeit der Veränderung von Farbkombinationen: Nachschlagewerk für Farben“ auf, wonach je nach Ausrichtung der farblichen Umgebung die Intensität und der Charakter von Farben unterschiedlich wahrgenommen werden. Auch Wittrups „Necker Cubes“ sind eine Weiterführung. Die Arbeit basiert auf Forschungen des Schweizers Louis Albert Necker zur multistabilen Wahrnehmung. Neckers als Kippbilder bekannte Zeichnungen, bei der die zwei großen, sich überschneidenden Quadrate sowohl Vorder- als auch Rückseite sein können, hat der dänische Künstler in räumliche Gebilde aus feinen Stahlverstrebungen umgesetzt. Der Transfer funktioniert: auch in Wittrups (halben) Würfeln, wechseln Vorder- und Rück- oder Drauf- und Druntersicht je nach Fokus.
So anschaulich sind freilich nicht alle Arbeiten der Ausstellung in der Villa Salve Hospes. Ein Gutteil verliert sich auf der Suche nach dem Anknüpfungspunkt an die künstlerische Inspirationsquelle. Das Spielerische geht dabei verloren, so dass es mal eine Nuance zu bemüht wirkt (verschiedene Arbeiten im Obergeschoss), oder aber ins Banale lappt („The Indian Rope Trick“).
Einen insgesamt überzeugenderen Eindruck hinterlässt diesbezüglich das Leipziger Künstlerkollektiv Famed mit „Avantgarde & Desaster“ in und an der Remise des Kunstvereins sowie auf einem LED-Display am Hauptbahnhof. Bereits dort werden Besucher mit den Worten Ideal, Erkenntnis und Bumbum – ein Auszug aus Tristan Tzaras Dada-Manifest – zum Rollen- und Perspektivwechsel-Spiel der Schau eingeladen. Auch Famed haben sich, was als roter Faden der beiden aktuellen Ausstellungen am Lessingplatz gesehen werden kann, der Neukonnotation von Konzepten gewidmet. Es geht um den Möglichkeitsraum zwischen zwei Polen. Die Leuchtschriftinstallation „Room for an Answer“ in den Rundbogenfenstern der Remise pendelt zwischen den Worten „Trash“ und „Truth“ hin und her, und im „Manifest einer Strömung“ suchen sich Luftballons in Buchstabenform den Weg durch Ventilatorenströme. Das Ergebnis kann ebenso Sinn oder Unsinn sein – alles oder Nichts, wie das Drehen an einem komplett schwarzen Rubik‘s-Cube („A Throw of the Dice will never Abolish Chance“). Entweder, man hat schon gewonnen, bevor man begonnen hat, oder dreht sich nutzlos im Kreis. Dass Sinnlosigkeit auch Spaß machen kann, untermauert die Arbeit „Du fragst zu früh. Wir können Dir nicht helfen“: Ein solitärer Autoscooter kann auf engstem Raum bewegt werden. Schon am Auftaktabend wurden die zum Zwecke der Begrenzung eingezogenen Spanplattenwände aufs Vorzüglichste traktiert.
Weitere Infos: www.kunstverein-bs.de.
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