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Das Näherrücken der alten Leute

Unitedoffproductions: Premiere von „Trainingscamp – Vorbereitungen auf ein späteres Drama“.

Von André Pause, 18.01.2012

Braunschweig. Wir schreiben gedanklich das Jahr 2030. Die Gruppe der über 60-Jährigen bildet die Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Konkrete Konzepte für die veränderte Altersstruktur wurden nicht ersonnen. Soweit die Ausgangslage vor der Uraufführung von „Trainingscamp – Vorbereitungen auf ein späteres Drama“.

Das Stück der aktuellen dreiteiligen Themenreihe von Unitedoffproductions zu den Schlagworten Familie, Alter und Sterblichkeit/Zukunft hatte jetzt Premiere im LOT-Theater.
70 Minuten lang geht es um Fragen wie: Welche Hoffnungen haben alte Menschen? Was macht ihnen Angst? Mit welchen Nebenjobs bezahlen sie ihre Miete? Ist Sex noch ein Thema? Und schließlich: wie sieht stilsicheres Abtreten aus?
Die Texte sowie die theatrale Komposition, bei Unitedoff stets Grundstoff für Hörspiele und Filme, sind im Gruppenarbeitsprozess entstanden, also Resultate gemeinsamer künstlerischer Diskussion und Improvisation. So lässt Regisseur Dieter Krockauer die vier Figuren Conni (Mirca Preißler), Elisabeth (Franziska Dick), Maja (Katharina Bellena) und Jürgen (Stefan Mehren) beinahe freispielhaft in die eigene Zukunft blicken. Auf Schritt und Tritt begleitet von der Live-Kamera. „Ich stelle mir vor, ich bin 89 und stehe am Rand der Gesellschaft“, sagt Elisabeth eingangs. Von nun an wird zwischen den einzelnen Charakteren hin- und her geswitcht. Moderiert von Conni, die in ihrem hellblauen Krankenhauskittel zugleich eine Art Betreuungsperson für die anderen ist. Zwischen den hier und da ins Skurrile oder auch Tragische abdriftenden Schilderungen wird immer wieder getanzt, wohl auch um sich zu vergewissern, noch auf der Welt zu sein.
Die Bühne ist kleinteilig und verschachtelt, die einzelnen Spots wie Schlaf- oder Badezimmer hinter Stellwänden sind nur über die großflächige Videoprojektion einzusehen. Durch den ständigen Wechsel der Erzählperspektive sowie die mentalen Hochs und Tiefs der Figuren, die darüber hinaus jeweils eine individuelle Umgehensweise mit dem Altsein haben, ist die Geschichte ständig in Bewegung. Das hohe Spieltempo mündet zunächst in tumultartigen Szenen, in denen die Alten verzweifelt versuchen, sich und ihre Probleme in den Mittelpunkt zu rücken. Der bittere Höhepunkt ist hierbei Majas pulsblutiger Suizidversuch.
Schließlich gibt es doch noch ein Happy End: In Form einer WG-Gründung der „Alten“. Sicher, diese Form des Näherrückens kann die durch den demografischen Wandel entstehenden Probleme nicht lösen, aber sie kann tröstlich sein – und ein Anstoß für Überlegungen zu einem Thema, dem wir als Gesellschaft nicht ausweichen können.
Die Zuschauer im LOT-Theater spenden Applaus für eine alles in allem gelungene Premiere. Weitere Vorstellungen sind am 20. und 21. Januar jeweils um 20 Uhr sowie am 22. Januar um 17 Uhr zu sehen. Infos: www.lot-theater.de und www.unitedoffproductions.de.
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