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Das Museum als Simulation

Natalie Czech zeigt in der Remise mit „I cannot repeat what I hear“ zwei neue fotografische Serien. Fotos: André Pause
 
Simon Fujiwara inmitten der terrakottagefärbten Gipsskulpturen seiner Arbeit „Rebekkah“.

Kunstverein zeigt bis zum 17. November Arbeiten von Simon Fujiwara und Natalie Czech.

Von André Pause, 15.09.2013

Braunschweig. Das kann doch eigentlich nicht ... oder doch? Eindeutig ist, dass nichts eindeutig ist.

Simon Fujiwaras Ausstellung „Grand Tour“ im Braunschweiger Kunstverein spiegelt die durch soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter allgegenwärtige, längst nicht mehr jederzeit scharf trennbare Gemengelage von Fakt und Fiktion.
Der Künstler inszeniert die Räume der Villa Salve Hospes zu seinem ganz persönlichen Museum. Dabei widmet er sich – das eine oder andere Augenzwinkern im Gepäck – den ernsten wie drängenden Fragen der Manipulation von Geschichte, der Beeinflussung des gesellschaftlichen Gedächtnisses und den Mechanismen von Unterdrückung und Gewalt, Autorität und Macht.
Die simulierten Stationen des Parcours bilden zugleich eine Tour durch das künstlerische Werk Fujiwaras. So führt das „Museum of Incest“ zur vermeintlichen Wiege der Menschheit, nach Tansania. Die wirre Kompilation des ‚Beweismaterials’ (Dias, Negative Münzen oder Zeitungsartikel) führt zur Vermengung von Biografischem mit Mythen menschlicher Evolution. Die Parodie sei ein Versuch der eigenen Historie zu entkommen, orakelt der Künstler beim Rundgang. Antike Funde als im Raum des Spiegelsaals stehende Behauptung („Frozen“) schließen die thematische Klammer der Ausstellung, lässt die akribisch inszenierte Ausgrabungsbühne doch sehr schön offen, ob es sich um Ruine oder museale Konstruktion handelt.
Auch die neueste Arbeit „Studio Pietà“ im Obergeschoss betont das Ungewisse. Ausgehend von einer Kindheitserinnerung an ein altes Foto, das seine britische Mutter – vorgeblich Tänzerin – als Anfang Zwanzigjährige gezeigt haben soll, arrangiert der Künstler eine aufwendig bilddokumentierte Neuaufnahme. Allerdings tauscht Fujiwara, sofern es das Ursprungsbild denn tatsächlich gibt, die Rollen: sie trägt ihn. Ausgehend vom Gegenentwurf zum King Kong Komplex verknüpft der Künstler diese „semisexuelle Situation“ mit weitreichenden politischen Fragen.
Gebrochen wird das Authentizitätsrätsel am ehesten durch „Rebekkah“. Jeder politisch Interessierte weiß, dass es die Riots in Großbritannien vor zwei Jahren tatsächlich gegeben hat. Terrakottagefärbte Gipsskulpturen geben nun einer angeblich festgenommenen Teilnehmerin Gesicht und Statur. Was ein BBC-Video untermauern soll, dass über die China-Reise eines Mädchens als Strafexperiment berichtet. Immerhin: Es könnte Rebekkah sein, die sich dort abgeschottet von der Heimat selbstreflektiert ...
Im Untergeschoss erfährt der Besucher mit „Future/Perfect“ schließlich das mögliche Resultat der unübersichtlich gewordenen medialen Einflussnahme auf die Herausbildung von Identität. Gezeigt wird die Flucht ins Klischee. Ein Mann mit Stöpseln im Ohr lernt Englisch, faselt nach, was die Stimme des Sprachtrainers vorgibt: „Do you have any
positions available?“, radebricht der Fremdländische (der dem Herrn aus Studio Pietà recht ähnlich sieht) und legt sich auf eine Sonnenbank. Neben dieser befindet sich in Griffweite noch ein Hantelset. Zielgerichtetheit auf engstem Raum. Die Südseesonnenuntergangstapete suggeriert: Hauptsache das Panorama stimmt. Das Überlebensnötigste im Kopf, schön braun, schicke Muckies und zur Differenzierung nicht mehr fähig – so sieht die viral geprägte Gesellschaft aus, wenn sie nicht auf sich aufpasst.
In der Remise zeigt Natalie Czech mit „I cannot repeat what I hear“ zwei neue fotografische Serien. Ein wesentlicher Bestandteil ihres Motivs ist die Dichtung. Aus Medien wie Zeitungen, Bildbänden oder E-Books fischt die Künstlerin Wort für Wort ganze Gedichte, legt sie durch subjektiven Leseakt frei, markiert sie und formt dadurch bereits Vorhandenes zu etwas völlig Neuem.
Zu sehen ist die Doppelausstellung des Kunstvereins bis zum 17. November, jeweils von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, donnerstags von 11 bis 20 Uhr.
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