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Das Leben ist nicht nur „Glücks Spiel“

Andreas Dresen stellte seinen Gesprächsband „Glücks Spiel“ vor. Foto: André Pause

Regisseur Andreas Dresen und Journalist Hans-Dieter Schütt stellten ihren Erzählband vor - André Pause sprach mit dem Regisseur.

Von André Pause, 14.12.2014.

Braunschweig. Andreas Dresen ist einer der profiliertesten Film-Regisseure der Republik. Mit Filmen wie „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“, „Wolke 9“ oder zuletzt „Halt auf freier Strecke“ hat er Kritiker und Zuschauer gleichermaßen überzeugt – und das häufig mit thematisch nicht unbedingt leichter Kost.

Dresen arbeitet in seinen meist halbdokumentarischen Werken mit großer Liebe zur Figur. Und obgleich er in vielen Fällen die Schnittmenge zur Ironie sucht, führt er die Menschen nicht vor.
Gemeinsam mit dem Journalisten Hans-Dieter Schütt hat er im vergangenen Jahr den Gesprächsband „Glücks Spiel“ verfasst. Beide haben das Buch nun im Anschluss an zwei Studentenfilme Dresens im Universum-Kino vorgestellt.

? Herr Dresen, Sie haben gemeinsam mit Hans-Dieter Schütt einen Gesprächsband veröffentlicht, wie ist es dazu gekommen und was verbirgt sich hinter dem Titel „Glücks Spiel“?

! Herr Schütt hat ja schon Interviewbücher mit verschiedenen Persönlichkeiten gemacht, und er hat mich vor mittlerweile zweieinhalb Jahren gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, solch ein Buch zu machen: was ein bisschen biografisch ist, aber auch essayistisch. Ich fand das interessant. Wir hatten schon ein paar schöne Gespräche für die Zeitung gemacht. Wir haben uns dann relativ häufig getroffen, dreizehn vierzehnmal bestimmt jeweils zwei Stunden geredet. Dann hat Herr Schütt einen Text daraus editiert. Der Titel kam von ihm. Er hat damit zu tun, dass das Leben in gewisser Weise ein Glücksspiel ist. Dass man an vielen Stellen, wo sich entscheidende Weichen stellen, eben nicht nur auf Talent und Begabung angewiesen ist, sondern auch darauf, dass man im richtigen Moment, der richtigen Zeit, die richtigen Menschen trifft. Auf der anderen Seite hat mein Beruf natürlich auch mit Spielen zu tun. Es gibt ja einen altertümlichen Begriff für Regisseur: Spielleiter. Das ist ein Wort, das ich eigentlich sehr mag. Es ist Glück einen guten Film zu machen, spielerisch da heranzugehen – all diese Dinge sind welche, die zu Assoziationen einladen.

? Jetzt ist ein guter Film nicht nur Glück ...

! Es ist natürlich nicht nur Glück. Es gehören viel Organisation und die Begabungen vieler Menschen dazu. Wenn ein Film gut ist, vielleicht wie das wirkliche Leben aussieht, dann haben viele Leute damit unter Umständen sehr viel Arbeit gehabt. Aber – es gibt glückliche Zufälle, wo sich Dinge einfach ergeben. Das Wetter kann man zum Beispiel nicht beeinflussen oder glückliche Momente mit Schauspielern, wo Kräfte aufeinander stoßen, die eine gute Energie entwickeln.

? Was ist mit den Themen, wie finden Sie die?

! Gute Filmstoffe sucht man nicht, die finden einen! Wie zuletzt bei „Halt auf freier Strecke“. Ich bin ja nun in einem Alter, in dem einem der Tod in der einen oder anderen Form schon mal begegnen kann. Bei mir war es so, dass im Freundeskreis Eltern von Freunden gestorben sind, Freunde schwer krank wurden, und wir haben angefangen, uns damit zu beschäftigen. Da wir alle aus der Filmbranche kommen, stellen sich irgendwann diese Fragen: Gibt es das, was wir da erfahren, eigentlich schon in einem Film? Wir fanden: nein. Und haben dann beschlossen, uns auf die Reise zu begeben. Manchmal kommen die Stoffe aber auch insofern zu mir, dass mir Autoren Sachen antragen, die ich dann lese und wenn sie mir gefallen und mich interessieren gerne nehme. Vor einigen Jahren, 2006, einen Roman gelesen, der mir sehr gefallen hat: „Als wir träumten“ von Clemens Meyer. Den haben wir voriges Jahr verfilmt, und der wird nächstes Jahr (im ersten Quartal) in die Kinos kommen. Das sind manchmal lange Reisen. Es ist wie in der Liebe: Wenn man losgeht und sagt, ich will mich heute verlieben, dann wird das nichts. Und wenn man losgeht und sagt, ich möchte einen tollen Filmstoff finden, klappt das auch nicht. Das führt nur zu Verbissenheit. Insofern ist das schon ein bisschen Zufall. Aber ich habe keinen Mangel an Filmprojekten. Mit der Zeit sammelt sich schon was an, weil man nicht so viele Filme machen kann, wie man Ideen hat. Einen Film herzustellen, dauert ein bis zwei Jahre.

? Ihr letzter Film „Halt auf freier Strecke“, den Sie ansprechen lebt unter anderem vom sehr intensiven Spiel des Hauptdarstellers Milan Peschel. Vor allem durch ihn wirkt das Halbdokumentarische beinahe dokumentarisch ...

! Ich habe es ja schon gesagt: Wenn etwas aussieht wie das wirkliche Leben, hat man wahrscheinlich mehr als einen guten Tag gehabt (lacht). Und das ist in diesem Fall halt auch so. Da war sehr viel Vorbereitung, sehr viel Recherche. Für diesen Film hatten wir kein Drehbuch im klassischen Sinne, aber eine große Materialsammlung und auch einen Szenenfahrplan, an dem wir uns gemeinsam langgearbeitet haben.

? Bei Ihnen scheint es niemals nur ein Gefühl zu geben. Wo Schmerz ist, gibt es irgendwie immer auch ein Quantum Trost.

! Ich glaube: So ist das Leben. Das Leben ist ein Widerstreit unterschiedlicher Gefühle. Glück kann man nicht empfinden, wenn man nicht auch mal unten ist, Trauer nicht, wenn man nicht das komplementäre Glück dazu hat. All das spielt miteinander, finde ich. Auch wenn man harte Dinge erzählt, mag ich den Zuschauer nicht entlassen in eine trostlose Welt, sondern möchte ihm gerne den Glauben daran mitgeben, dass es Barmherzigkeit, dass es Solidarität und Wärme gibt zwischen Menschen. Deswegen würde ich auch keinen Film machen können, der ganz sauber im Genre ist. Man erlebt häufig im Leben, dass man sehr dramatische Momente hat, und dann muss man plötzlich lachen. Und auch in sehr lustige Momente können umschlagen in ein Drama. Das finde ich interessant, und so möchte ich auch gerne Geschichten erzählen. Geschichten, in denen man lachen und weinen kann.

? Das ist ja auch bei „Wolke 9“ so, wo die Dramatik in den Glücksmoment, in diesem Fall ein Suizid in eine Altersliebe, förmlich hineinplatzt. Wie bekommen Sie diesen Zusammenstoß der Gefühle so hin, dass es funktioniert?

! Das lässt sich nicht in drei Sätzen beantworten, weil es natürlich um Handwerkszeug geht, wo sehr viel dazugehört, ein ganzes Team mit mir arbeitet – sozusagen meine engsten Freunde, mit denen ich zusammen unterwegs bin, in einem Schutzraum, in dem wir uns gemeinsam bewegen, uns auch versuchen fallenzulassen. Das kann beim Dreh schon mal peinlich werden. Da gelingt auch mal was nicht oder klappt nicht auf Anhieb. Man ist wie im Leben auf der Suche nach der richtigen Form für eine Geschichte. Und wenn sich die Dinge gut fügen, dann findet man die. Dazu gehört auch die schon beschriebene Spur Glück. Dass es bei „Halt auf freier Strecke“ in der Schlussszene schneit, war ein großer wundervoller Zufall. Kunstschnee hätten wir uns nicht leisten können, das hätte auch niemals so gut ausgesehen. Das war ein Low-Budget-Film, wo so was nicht drin ist. Es hat in diesem Winter, in dem wir gedreht haben, ab Dezember durchgehend geschneit. Es gab eine geschlossene Schneedecke, und als wir den Schluss gemacht haben, fiel den ganzen Tag über ein sanfter, leiser, zarter Schnee. Das war irgendwie genau das Barmherzige, was ich mir gewünscht hätte: Die Welt ist weiß und rein und es klärt sich. Der Abschied ist hier auch ein Neubeginn. Das war ein ganz großes Geschenk für mich. Es hätte ja auch ein Tag sein können, an dem es nieselt und alles grau ist. Dann wäre der Schluss ein ganz anderer geworden.

? Verstehe, die Umstände beeinflussen den Film. Ist es umgekehrt auch so, dass das fertige Filmprodukt nachgelagert Sie als Person oder die von Ihnen geleiteten künstlerischen Prozesse beeinflusst?

! Sowohl als auch. Ich mache ja keine autobiografischen Filme. Aber natürlich haben die Filme, wenn ich sie erzähle, auch etwas mit mir zu tun, oder mit Fragen, die mich beschäftigen. Man beschäftigt sich ja doch eine beträchtliche Lebenszeit. Wenn der Film fertig ist, schlägt das Ergebnis schon in irgendeiner Form auf einen zurück. „Halt auf freier Strecke“ war in dieser Hinsicht sicher ein sehr besonderer Film, weil er aus einer persönlichen Krise entstanden ist. Als er fertig war, hatte ich sehr viel über das Leben verstanden. Sonst hätte ich mich mit diesen existenziellen Fragen wahrscheinlich nicht so beschäftigt, auch weil man denen im Alltag ja eher aus dem Weg geht. Wenn man sich den Dingen stellt, verändert das den Blick auf die Welt, auf die eigene Existenz. „Wolke 9“ ist für mich eher eine Reise gewesen als ein Film. Dass am Schluss ein Film dabei rausgekommen ist, ist schön. Für uns als Team war es eine Reise zu uns selbst.

? Weil das Thema Sie noch nicht selbst betrifft?

! Auch bei „Halt auf freier Treppe“ hat uns nicht direkt betroffen, aber wenn man sich mit einem Thema so intensiv beschäftigt, dann betrifft es einen irgendwann doch sehr, weil man es an sich heran und durch sich durchlassen muss. Und da geht jeder durch seine eigene, ganz persönliche Krise durch. Es ist so, als ob man die Tür zum verbotenen Zimmer aufstößt. Da kommt einem erst einmal eine ganze Menge Unangenehmes entgegen – und auch die Begegnung mit sich selbst und den eigenen Ängsten ist nicht immer nur schön. Schließlich und endlich bin ich aber extrem dankbar, dass wir den Film gemacht haben, weil ich bei keinem so viel gelernt habe wie bei diesem. Ich hoffe, dass mit dem Zuschauer etwas Ähnliches passiert, wenn er sich den Film anschaut: Man geht durch eine Krise, durchschreitet ein Tal und kommt am Ende hoffentlich mit einem guten Gefühl aus dem Kino raus.

? Ist diese fein austarierte Gefühlsmelange mit positivem Ausgang so etwas wie ihr Erfolgsgeheimnis, um bei Kritikern und Publikum gleichermaßen gut anzukommen?

! Das kann ich selbst gar nicht so richtig sagen, weil ich das ja von innen heraus mache und nicht danach schiele. Ich mache die Geschichten, die mich berühren, und die von denen ich denke, dass sie andere auch interessieren könnten. Ich hoffe, dass sich das trifft. Ich kann wenig mit den Leuten in der Branche anfangen, die so spekulativ an ihre Arbeit herangehen, die denken, wenn man dieses oder jenes Rezept macht, wir das schon irgendwie klappen. Ich glaube, dass man egal was man tut, nicht vor Misserfolgen gefeit ist. Aber selbst dann muss niemand Monate lang in Sack und Asche gehen. Man kann auch scheitern. Das ist in unserer Welt nur nicht so gerne gesehen, da muss am besten alles jung und schön und erfolgreich sein. Ich mag dieses Beckett-Zitat sehr gerne: Einmal versucht, einmal gescheitert, einerlei, wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern. Das könnte ich als Überschrift auch über die eigene Arbeit schreiben. Jeder Film stößt natürlich auch an seine Grenzen, nicht jeder Film gelingt. Ich sehe viele meiner Arbeiten auch sehr kritisch.

? Inwiefern?

! Jeder Film ist letztendlich nur ein Abbild der eigenen Unvollkommenheit zum Zeitpunkt seiner Entstehung. Man merkt schon beim Schneiden, was man gerne alles anders gemacht hätte. Ich glaube, das ist normal.

? Sie arbeiten ja auch für die Bühne. Hilft ihnen das bei ihrer filmischen Arbeit?

! Ich lerne am Theater tatsächlich viel, weil man sehr viel länger mit Schauspielern oder Sängern unterwegs ist, mehr Zeit hat, Dinge miteinander zu entwickeln und zu formen. Beim Film kommt man ja doch ziemlich schnell, innerhalb weniger Minuten manchmal, zur Premiere. Diese Prozesse finde ich sehr inspirierend, auch den Umstand, dass man eine bestimmte Form braucht. Ich würde im Theater nicht mal im Ansatz versuchen mich naturalistisch zu verhalten. Die Bühne ist ein besonderer Raum, ein Kunstraum, der einen besonderen Zauber ausstrahlt. Das braucht eine besondere Sprache, und auch eine Vergrößerung, finde ich. Das macht mir großen Spaß, und ich bin froh, dass ich nicht in die dumme Situation komme, mich da entscheiden zu müssen. Ich würde sagen, ich bin mit dem Film verheiratet und das Theater ist eine sehr inspirierende Geliebte (lacht).

? Ihren Schauspielern sind Sie relativ treu, oder?

! Ich arbeite gerne wieder mit Leuten, die mir vertraut sind. Das geht nicht bei jedem Film, logisch, weil man andere Besetzungen vorfindet. Aber ich mag grundsätzlich den Ensemblegedanken, dass da eine Truppe ist, die mehr verbindet, als nur die Absicht einen Film zu machen. Vielleicht eine politische Idee oder eine Idee vom Leben. Ich arbeite mit einem Freundeskreis, und wir treffen uns auch, wenn wir nicht Filme machen. Wir feiern zusammen oder erzählen uns von unserem Liebeskummer. Das ist etwas sehr Schönes: Man teilt einen Lebensweg in einem Ensemble.

? Dass das Set zur Familie wird, zeigen Sie ja auch im Film „Whisky mit Wodka“. Passiert das wirklich in dieser Form?

! Zum Glück nicht so, wie bei „Whisky mit Wodka“, weil da ja eine ganze Menge Lebenslügen im Spiel sind. Aber tatsächlich ist es so, dass es bei mir am Set sehr familiär zugeht. Klar: Wenn ich einen großen Film mache, manchmal hat man 80 bis 100 Leute da herumrennen, dann hält sich das Familiäre in Grenzen, dann ist das erst einmal eine aufwendige Maschinerie, die da läuft und geleitet werden will. Trotzdem sind da viele meine Freunde, was wiederum nicht heißt, dass wir uns was schenken. Wir fordern uns schon, und es kann auch mal hart werden. Wenn etwas nicht gefällt, dann sagen wir uns das auch, das gehört einfach dazu. Wir sind ja nicht da, uns gegenseitig zu streicheln und zu loben. Das ist zwar auch schön, und das machen wir auch, aber man muss auch darauf achten, dass man sich ständig neue Ufer sucht. Ich brauche von meinen Mitarbeitern am Set Impulse. Der Schauspieler ist ein kreativer Partner, und wenn er eine bessere Idee hat, bin ich dankbar. Dann nehme ich die, sonst wäre ich ja auch schön dumm. Ich komme mit einer Idee ans Set. Dann reibt sich diese Idee mit den Ideen der anderen. Die kommen manchmal mit sehr schönen Gedanken dazu. Und dann versucht man vor Ort gemeinsam das richtige zu finden. Es sind kurze Entscheidungswege, die dann stattfinden müssen, aber ist etwas sehr Lebendiges.

? Sie sind in Gera geboren. Gibt es in der Regie Merkmale, bei denen Sie sagen würden: Das ist typisch ostdeutsch oder westdeutsch?

! Ich tue mich mit diesen Kategorien immer ein bisschen schwer. Das müsste eigentlich eher ein Außenstehender sagen können. Ich finde, es gibt Unterschiede zwischen Menschen. Und sicherlich hat die Erziehung im Osten mich geprägt. Als die Mauer gefallen ist, war ich 26. Da hat man schon eine ganz wesentliche Phase des Lebens durchlaufen. Nun war der Osten natürlich ein Landstrich, wo man in der Kunst und im Leben großen Wert legte auf das Leben der kleinen Leute. Besondere Kontraste in der Gesellschaft gab es ja nicht. Es gab weder besonders arme oder reiche Leute, sondern ein großes breitgefächertes Kleinbürgertum. Dadurch, dass alle Unterschiede halbwegs nivelliert waren, existierte logischerweise weniger dieses Konkurrenzdenken. Unbenommen prägt die eigene Herkunft das Wesen, das man hat. Und sicherlich, aber das wäre was für Analytiker, schlägt meine Erziehung und mein Aufgewachsensein im Osten in irgendeiner Form auch auf die Filme durch. Das ist bestimmt so. Es fällt mir selber schwer genau zu sagen, was das sein könnte. Vielleicht ist es eine grundsätzliche Liebe zum Menschen. In bestimmten Punkten war der Sozialismus ja ein bisschen wie das Christentum. Ich habe auch diverse Preise von der Kirche bekommen, was ich sehr lustig finde, weil ich gar nicht kirchlich gebunden bin.
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