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Das Hinterfragen der Theatermittel

Der Fall M. (Foto: Federico Pedrotti)
 
Der Fall M. (Foto: Federico Pedrotti)

„Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte“ gewinnt das „Fast Forward“-Festival 2014 – gleich mehrere Beiträge setzen sich kritisch mit Ritualen des Theaterbetriebes auseinander

Von André Pause, 01.12.2014

Braunschweig. Das vierte „Fast Forward“-Festival ist Geschichte, und die Reihe für junge europäische Regie hat einen verdienten Gewinner: Florian Fischer. Er erhielt den Preis für seine Inszenierung „Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte“.

„Florian Fischer und sein Team begegneten dem System juristisch verordneter Zwangseinweisung in eine Psychiatrie mit einer inszenatorischen Komplexität, die eine einfache Handhabung des Gegenstandes unmöglich mache“, befand die Festival-Jury in ihrer Begründung. Fischer erhalte den Fast Forward-Preis 2014 für eine überzeugende Regiearbeit, die die Zwangseinweisung der Lehrerin Elisabeth Maldaque im Jahr 1930 und des Münchner Unternehmers Gustl Mollath aus unseren Tagen klug, vielschichtig und auf konsequente Art und Weise schildere. Der Preis besteht in einer Regiearbeit am Staatstheater Braunschweig.

In der Tat gelingt Fischer mit seiner Abschlussarbeit an der renommierten Münchner Otto Falckenberg Schule nicht nur die Spiegelung mindestens fragwürdig erscheinender gesellschaftlicher Verhältnisse, konkret: justiziale Willkür, er gibt sie mit seinem Ensemble auch zum Diskurs frei, indem er die Dinge durch ironische Betrachtung der Theaterrituale der Theatralität entzieht. Das geschieht beispielsweise durch das (gleich mehrmalige) Fragen nach der Uhrzeit, durch die kollektive Feststellung, dass das Stück hier gerade ein Gastspiel ist, oder auch durch die nur im ersten Augenblick kokette Aussage der Maldaque-Darstellerin: „Nervenzusammenbruch – keine Ahnung wie man das spielt.“ Nicht fassbar bleibt in dieser Produktion nicht fassbar. Fischer urteilt nicht, er fügt zusammen, was zusammenzufügen ist, und hält das Ergebnis unters Mikroskop. Auf diese Weise stehen am Ende zwei zeitlich entfernte nacheinander erzählte Schicksale, in Ohnmacht sowie im Effekt auf den Menschen vereint.

Eine Erwähnung wert sind außerdem zwei weitere Festivalbeiträge, die sich wie „Der Fall M.“ kritisch mit Ritualen des Theaterbetriebes auseinandersetzen. In Sachen Reflektion der Erzählebene nah beim Siegerbeitrag ist das Stück „Steppengesänge“. Alles kann, nichts muss – mit dieser Formel ließe sich die studentische Arbeit von Adele Dittrich Frydetzki, Kristina Dreit, Marten Flegel und Anna Froelicher beschreiben. Ihnen geht es um Beglaubigungsstrategien. Ein Reisebericht über die Ostsächsische Lausitz soll gezeigt werden, das jedenfalls wird gebetsmühlenhaft versprochen. Was als quasi privater Videoabend mit der Schilderung des Trips beginnt, entwickelt sich im Laufe einer Stunde zu einer apokalyptischen Behauptungsorgie. Die Bestandteile der Geschichte, der Braunkohletageabbau oder die Wiederansiedlung der Wölfe, sind womöglich nur das Fundament für die Theorie. Wie weit kann Theatermitteln getraut werden? Um dieser Frage nachzuspüren tauchen die Protagonisten mit ihrer Arbeit immer weiter in sich selber ein, zitieren sich fortwährend selbst. Am Ende brechen die Hildesheimer Studenten den Riegel zwischen Bühne und Zuschauerraum, ein Wechsel der Perspektive wird somit rechtzeitig zur romantischen Umdeutung der Apokalypse ermöglicht.

Bestimmt der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen? Mit „Forecasting“ machen Guiseppe Chico und Barbara Matijevic Spekulationen auf erfrischende Weise: einen Anfang. Auf der Bühne verschmilzt Performerin Matijevic alle möglichen Teile ihres Körpers mit immer neuen Videos, die über den Bildschirm eines Laptops flimmern. Gefühlt wird der Sehkasten von außen beeinflusst, dabei bestimmt der jeweilige Film die sehr präzise vorgetragene Reaktion der Darstellerin. Die Verlängerung des Bildschirms erfordert vor allem an der Schnittstelle zwischen Virtualität und Realität, zwischen Zwei- und Drei-Dimensionalität Fingerspitzengefühl, und ein Spiel, das von der Haarwurzel bis zum kleinen Zeh dem Screen-Geschehen dient – egal ob es nun um das einseifen des Gesichtes beim Rasieren geht, um zwischenmenschliches Berühren oder den Übergang von der Schießerei zur Demonstration eines Föns.
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