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Da verliert man glatt den Glauben

Das Ensemble baut gemeinsam. Foto: Beinhorn

Premiere im Kleinen Haus: Die Werkgruppe2 tritt mit dem Stück „Offener Himmel“ irgendwie auf der Stelle.

Von André Pause, 23.03.2016.

Braunschweig. Schon der Titel des neuen Dokumentartheaterstücks der Göttinger Werkgruppe2 ist ein Produkt aus dem Hause Potemkin. „Offener Himmel – Über das Konvertieren“ heißt das nämlich.

Komisch, dass bei der Premiere im Kleinen Haus des Staatstheaters herzlich wenig zum Thema kommt. Persönliche Glaubensbiografien werden heruntergebetet, das schon. Aber: Geschichten über das Konvertieren erzählt? Eigentlich nein.

Wie begegnet uns die wachsende religiöse Vielfalt in Deutschland im Alltag und wo verorten wir uns selbst in Bezug auf das Religiöse? Diese Frage war laut Programmheft Ausgangspunkt für die zehn ausführlichen Recherche-Interviews zur Inszenierung von Julia Rösler, die in überaus zerdehnten 110 Minuten eigentlich keinerlei neue Erkenntnis bringt.

Zwischen aufgetürmten Röhrenradios erzählen und musizieren sieben Schauspieler und Sänger stellvertretend für die Interviewten. Da haben wir beispielsweise einen jungen Mann, der eigentlich Atheist war, über Karl May und den Orient zum oder auf den Islam kam, im Koran Halt fand. Bald spricht er Predigern vom Band nach, weil Gott ihm ein Zeichen gegeben hat. Das Verstehen fällt ihm trotzdem schwer, weshalb er nach Informationen sucht, die er ausgerechnet bei Pierre Vogel zu finden vermutet. Derweil bleibt ihm die Tür zur kopftuchtragenden Frauenwelt fest verschlossen. Na so was! Eine Frau wiederum erzählt zynisch Judenwitze, bevor sie über ihre Konversion zum jüdischen Glauben berichtet, die dadurch zustande gekommen ist, dass sie einen israelischen Mann geheiratet hat. Da habe sie sich geborgen und familiär aufgehoben gefühlt: die Feste und so. Eine weitere Frau habe, so sagt sie, im Alter von neun Jahren (!) das Glauben ganz aufgegeben. Die Laissez-faire-Atheistin habe die revolutionäre Kraft vermisst ... Manch einer wird eben diese im Stück gesucht und sich selbst gefragt haben: Warum glaubt man? Braucht man religiöse Verortung heute überhaupt noch? Doch tiefergehende Antworten als „Man ist besser dran, wenn man dazugehört“ werden im Grunde nicht geliefert. Ein einziges Mal spitzt sich eine Situation zu. Da unterhalten sich die Jüdin und der Muslime auf dem Boden sitzend bei Wein aus dem Kelch und Oblaten, werden kurzfristig zu streitbaren Charakteren und entfachen den Disput.

Ansonsten aber ist immer wieder hemmungslose Harmonie. Die durchaus gefährlichen Aspekte von Religiosität kommen, was wohl dem Befragungs-Format der Produktion geschuldet ist, nicht zur Sprache. Das gibt einem im Glauben an das Stück den Rest.
Vortrag, Spiel und Gesang – unter anderem „Wenn das Rote Meer grüne Welle hat“ – sind durchweg souverän. Und auch das Haus der Welt, an dem hier gemeinsam gebaut wird (mit Röhrenradios), liefert ein schönes Bild, das an gotische Baumeister erinnert, die versuchten, in göttlicher Ergriffenheit ihre Kirchen bis in den Himmel zu bauen. Inhaltlich aber kommt an diesem Abend deutlich zu wenig über die Rampe.
Nächste Vorstellung am Mittwoch (30. März)
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