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„Da ist jemand, der malt unseren Arbeitsalltag“

Alexander Calvelli. Foto: Anne-Sophie Wittwer
 
Die Braunschweiger Zuckerfabrik.

Der Industriemaler Alexander Calvelli stellt ab September in der Jakob-Kemenate aus – Motivsuche im Braunschweiger Land.

Von Birgit Leute, 03.08.2014.

Braunschweig. Alexander Calvelli hat ein Faible für Orte, die nach Schweiß und Arbeit riechen: Alte Schachtanlagen, neue und verlassene Industriestätten, Güterbahnhöfe. Derzeit ist der Kölner Künstler auf Spurensuche im Braunschweiger Land. Ab
18. September stellt er in der Jakob-Kemenate aus.

„Wissen die Leute hier eigentlich, wo die alte Zuckerfabrik gestanden hat?“ Alexander Calvellis Augen glänzen. Orte, an denen man sich früher die Hände schmutzig machte, die aus viel rohem Stahl und kühlem Beton bestehen, faszinieren ihn einfach.
Im Ruhrgebiet, wo er hauptsächlich arbeitet, hat er schon unzählige Motive aufgespürt. Jetzt hat sich Calvelli auch das Braunschweiger Land vorgenommen: Die Asse, Schacht Konrad, die Metallschmiede Zollern, den Braunkohletagebau bei Helmstedt.
„Vor knapp zwei Jahren habe ich mit der Recherche angefangen. So lange habe ich mich noch nie vorher vorbereitet“, erzählt der 51-Jährige von seiner Detektivarbeit in einer Region, die er bis dato nur wenig kannte und die er sich meistens mit Zug oder Fahrrad erobert. „Eine Kultur der Arbeit gibt es nicht nur im Ruhrgebiet, auch hier haben sich wichtige Industriezweige angesiedelt“, sagt er.
Calvelli will sie mit seinen Bildern vor dem Vergessen bewahren, aber auch Einblicke in noch funktionierende Anlagen geben, die so ohne weiteres nicht zugänglich sind. Dafür lichtet er sie zuerst hundertfach ab, überträgt sie dann akribisch auf Leinwand und verleiht ihnen eine ganz eigene Faszination aus Licht, Formen und Perspektiven. „Ich heroisiere nichts, verändere nichts, versuche mich ganz zurückzunehmen“, erzählt er von seiner Arbeitsweise, die so ganz dem stillen, zurückhaltenden Mann entspricht, der zwar in einer Künstlerfamilie (Mutter Musikerin, Bruder Schauspieler) aufgewachsen ist, aber so gar nicht die große Bühne liebt.
Nicht immer werden ihm die Türen in den Unternehmen gleich bereitwillig geöffnet. Viele Betriebe befürchten inzwischen Industriespionage von Konkurrenten aus Fernost oder möchten sich ungern an ihre Vergangenheit erinnern lassen wie etwa die Firma Bayer. Dennoch: Das sind die Ausnahmen. In der Regel kann Calvelli – flankiert von Pressereferenten – über das Gelände stromern oder unter Tage einfahren.
Ein bisschen erinnert seine Malweise an Edward Hopper: Die Menschen neben den Maschinen sind oft allein, wirken klein und ein bisschen gesichtslos neben den übermächtigen Geräten. Dennoch sind Calvellis Bilder genau für diese „Arbeiter“ gemalt. Sie sind das Publikum, das er ansprechen will, nicht der kleine Kreis von Kunstliebhabern und Mäzenen. „Ich erlebe oft, dass gerade die ’einfachen‘ Leute ganz gerührt sind: Da macht sich jemand die Mühe und malt unsere Arbeitsstätte“, erzählt er von Reaktionen.
Auch die Formate seiner Bilder hat er dem Geldbeutel seiner „Kunden“ angepasst. Calvellis Bilder sind trotz der monumentalen Motive manchmal nicht größer als ein DIN A4-Blatt. Als Industriemaler hat Calvelli nicht nur eine selten besetzte Nische gewählt, er hebt sich auch vom Trend zum Großformatigen ab.

INFO

Alexander Calvelli, Bruder des Schauspielers Hannes Jaenicke, wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren und lebt heute in Köln. Er gehört zur relativ kleinen Gruppe der Industriemaler und studierte Malerei an der Fachhochschule Köln mit Studienaufenthalten in Florenz und Rio de Janeiro.
Vom 18. September bis
9. November werden seine Werke in der Jakob-Kemenate am Eiermarkt zu sehen sein. Dafür sucht die Kemenate noch ehrenamtliche Helfer, die Lust und Zeit haben, Besuchergruppen zu begleiten. Infos unter Telefon 6 18 00 07 und www.jakob-kemenate.de
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