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Blicke auf den Sinn der Existenz

Ralph Kinkel, Sinem Spielberg, Nina El Karsheh, Ravi Büttke und Nikolaij Janocha (v.l.) bauen im Kleinen Haus einen Bedeutungsberg. Foto: Volker Beinhorn

Das Junge Staatstheater inszeniert Janne Tellers „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ eindringlich.

Von André Pause, 05.03.2016.

Braunschweig. Die Frage nach dem Sinn des menschlichen Daseins ist eine stetig bohrende. Das ganze Leben schwingt sie mit. Sie kann aufwühlen, nachdenklich machen, sie kann verstören und – wie Janne Tellers „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ zeigt – sogar zerstören.

Auch wenn der Zweifel kein Alter kennt, am heftigsten umtreibt die Suche nach dem Sinn unserer Existenz die meisten sicher in der Phase des Erwachsenwerdens.

Ronny Jakubaschk hat Tellers Parabel über das Heranwachsen und die Gewalt für das Junge Staatstheater im Kleinen Haus inszeniert. Der Stoff ist finster und hart: Der Siebtklässler Pierre Anthon kommt zur Erkenntnis, dass nichts im Leben irgendetwas bedeutet. Deshalb lohne es sich auch nicht, irgendetwas zu tun. Er verunsichert seine Mitschüler mit nihilistischen Äußerungen, verlässt sie hiernach und klettert auf einen Pflaumenbaum, von wo aus er die anderen fortan mit Früchten bewirft.

Die Mitschüler beschließen daraufhin in einem stillgelegten Sägewerk heimlich einen „Berg der Bedeutung“ zusammenzutragen, um zu beweisen, dass Bedeutung existiert. Reihum werden nun Dinge von persönlicher Wichtigkeit geopfert, wobei der Opfernde festlegt, wer als Nächstes welches Opfer zu vollbringen hat. Werden zunächst ersetzbare Gegenstände wie Sandalen, Rennrad und Teleskop verlangt, geht es zunehmend ans Eingemachte, und ehe sich die Schüler versehen, haben sie eine Spirale körperlicher und psychischer Gewalt in Gang gesetzt. Der Sarg des verstorbenen kleinen Bruders, die Unschuld und der rechte Zeigefinger werden nun gefordert. Um Pierre Anthon zu überzeugen, schalten die Schüler die Presse ein. Als die Sache ein Selbstläufer zu werden scheint – internationale Medien schalten sich ein – der Berg gar von einem Museum als Kunstwerk gekauft werden soll, fühlen sie sich bestätigt, die Bedeutung gefunden zu haben.

Anders als im Roman gibt es in der Inszenierung des Staatstheaters keine Ich-Erzählung. Fünf Schauspieler besetzen die Schlüsselrollen Agnes, Sofie, Kai, Hussein und Jan-Johan, erzählen und spielen die Geschichte der übrigen Schüler und Pierre Anthon multiperspektivisch im Wechsel mit. Der Stückeinstieg erfolgt im Augenblick größter Euphorie. Aus den Rängen kommend wird sich stolz im Blitzlicht der Fotografen gesuhlt. Diese einmalige Achronologie ist in zweifacher Hinsicht ein guter Schachzug der Regie. Zum einen kann das sehr präzise agierende Ensemble – Ralph Kinkel, Sinem Spielberg, Nina El Karsheh, Ravi Büttke und Nikolaij Janocha – den Schwung des positiven Augenblicks mit in die mitreißende retrospektive Schilderung der Ereignisse nehmen. Zum anderen stehen sich auf diese Weise die emotionalen Widersprüche als dramaturgische Klammer diametral gegenüber.

Nach und nach, als die Aufmerksamkeit von außen weniger wird, dämmert der Gruppe nämlich, dass Pierre Anthon Recht gehabt haben könnte, dass doch nichts im Leben von Bedeutung ist. Denn: Wenn sie die Bedeutung gefunden hätten, wären dann nicht alle noch da, um sie zu sehen? Am Ende regieren deshalb Frust, Ohnmacht und Wut. Die Stimmung ist umgeschlagen.
Wer wissen möchte, wie die Gruppe den Seelenfrieden wieder herzustellen versucht, sollte sich die eindringliche, bei der Premiere zurecht mit starkem Beifall belohnte Inszenierung ansehen. Verraten sei: Es bleibt brutal.
Weitere Infos: staatstheater-braunschweig.de.
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