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Biertisch statt Bestuhlung

Viel Applaus bei der Premiere von „Fleisch ist mein Gemüse“ im Kleinen Haus des Staatstheaters.

Von André Pause, 10.04.11

Braunschweig. Bierzeltambiente im Kleinen Haus des Staatstheaters. „Ja, was ist denn hier los?“, mag sich der ein oder andere Besucher am Freitagabend bei der Premiere von „Fleisch ist mein Gemüse“ gedacht haben.

Wo sonst die Sitzreihen sind, stehen Gartenbänke- und -tische. Der ganze Ort ist grün-weiß ausstaffiert, vom Oberrang grüßen Hirschgeweihe, auf der mit Blumenkübeln und Pokalen dekorierten Bühne spielt eine Tanzband „Tür an Tür mit Alice“ – und Freibier gibt es auch noch. Bereits die Platzsuche gerät zum kommunikativen Akt, die Leute kommen ins Gespräch. Marianne Heinrich und Moritz Dürr starten als Wirtin und Wirt wie die Band schon vor dem offiziellen Beginn des Stückes ins Spiel.
Heinz Strunk, gestraft mit heftiger Acne conglobata, lebt mit seiner Mutter in einem winzigen Reihenhaus in Hamburg-Harburg. In der Zeit von 1985 bis 1997 verdingt er sich als Saxofonist der Tanzband Tiffany’s. Das Dahinvegetieren zwischen fettigem Essen, besoffenen Provinzlern, grausamer Musik und aknebedingter Isolation vom anderen Geschlecht hat Strunk 2004 in seinem weitestgehend autobiografischen Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ ironisch verarbeitet. Die Braunschweiger Bühnenfassung bricht mit der Distanziertheit des Autors und präsentiert das Schauspiel mit Livemusik konsequenterweise im gesamten Saal. Immer wieder spielen die Schauspieler die Zuschauer an. Im Mittelpunkt stehen das Verhältnis von Heinz zu seiner psychisch kranken Mutter sowie seine Auftritte mit Tiffany’s und allem was dabei rundherum geschieht. Die Präsenz und Bedeutung der Figuren der Nachbarin Rosemarie und der des Freundes Niels – im Buch allenfalls Randfiguren – wurden für die Bühne verstärkt.
Bis zur Pause ist das Stück durchaus unterhaltsam, insgesamt aber doch etwas langatmig. Diesen Teil hätte man bei üppigen zwei Stunden fünfundvierzig Minuten Spielzeit vielleicht etwas straffen können. Im zweiten Teil wird es besser. Was vorher Musik mit Schauspiel war ist nun Schauspiel mit Musik. Herausragend spielt Nientje Schwabe die Rolle der Rosemarie, Moritz Dürr überzeugt als „männliche Stimmungskanone“, Louisa von Spies ist vor allem als Susanne stark und hat fantastische Gesangsparts. Hauptdarsteller Hanno Koffler steigert sich im Laufe des Abends zusehends und spielt nach einem dreiviertel Jahr Training richtig gut Saxofon. Das Publikum ist vom ersten Abend jedenfalls begeistert und spendet kräftigen wie langanhaltenden Applaus.
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