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Bewegung durch Beweggründe

Reija Heinonen, Anna Fingerhuth und Joris Bergmans (von vorne nach hinten) tanzen in Tillmann Beckers Stück „Systemaniatics“. Foto: Andreas Etter
Braunschweig: Staatstheater |

Die Tänzer der Compagnie des Staatstheaters choreographieren zum dritten Mal eigene Stücke.

Von André Pause, 10.06.2015.

Braunschweig. Die Reihe „Beweggründe. Junge Choreografen“ am Staatstheater Braunschweig ist eine tolle Sache: Für die Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie natürlich, dürfen sie doch auf dem Versuchsfeld der Choreografie ihr Können zeigen. Aber auch für die Zuschauer, weil diese – Festivals einmal ausgenommen – in den seltensten Fällen die Gelegenheit erhalten, völlig unterschiedliche Tanzregie-Handschriften in derart geballter Form zu erleben.

Der vom Staatstheater Tanz nun zum dritten und letzten Mal kompilierte Abend (Premiere war im Kleinen Haus) führt den Begriff „Beweggründe“ im Titel. Ein treffender Ausdruck, vereint er doch sehr gut die körperliche Bewegung als Metier der Aktiven mit der zugrundeliegenden Motivation.

Fünf Stücke werden gezeigt: „Still“ von Claudia Greco, „Content“ von Charles Washington, „Systemaniatics“ von Tillmann Becker, „Nioste“ von Konstantinos Kranidiotis sowie „Limitless“ von Martijn Joling.

Die jeweiligen Herangehensweisen und Sujets könnten unterschiedlicher nicht sein, demzufolge sind es auch die Ergebnisse. Claudia Greco gestaltet ihren ersten choreografischen Beitrag für das Braunschweiger Publikum im Stile eines Musicals. Angelehnt ist er an Raymond Chandlers später verfilmten Kriminalthriller „Farewell, My Lovely“. Charles Washington nimmt – so hat es den Anschein – mit „Content“ die mangelnde Substanz vorgeblicher Inhalte aufs Korn. Amüsant und mit reichlich Slapstick entlarvt er am Beispiel einer Anleitung zum Zeltaufbau, wie Unwesentliches Wesentliches verdrängen kann, wenn es nur entsprechend aufgeblasen wird. Die Folgen der Misere für die Menschen zeigen die fünf Tänzer des Beitrags auch: Desorientiert und mit der Zeltplane verknotet, wird sich immer wieder neu formiert, ohne dass ein Vorwärtskommen zu beobachten wäre.
Konstantinos Kranidiotis widmet sich mit „Nioste“ den Energiefeldern des Körpers und zwischenmenschlichen Kraftfeldern. Es geht um Emotionen, das gemeinsame Überwinden von Grenzen und fühlbare Energie. Das sieht sehr schön aus, ist auf Dauer aber ein wenig ermüdend.

Für die bewegendsten Beiträge und jede Menge Kopfkino sorgen im Rahmen der dritten Auflage von „Junge Choreografen“ Tillmann Becker und Martijn Joling. Becker nähert sich mit seiner Choreografie dem Verhältnis des vorherrschenden Systems zu Manien und Tics. Für die Darstellung der Entgrenzung von Arbeit und Freizeit lässt er seine Tänzer Joris Bergmanns, Anna Fingerhuth und Reija Heinonen körperlich und seelisch wanken. Die Protagonisten bewegen sich in einheitlich schwarz-weißer Kleidung aneinandergereiht wie die Orgelpfeifen zu Bachs „Toccata und Fuge in D Minor“ – sehr mechanisch, im Idealfall wie ineinandergreifende Zahnkränze. Die Anpassung an gesellschaftlich gewollte Formen oder die Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung, wenn mal jemand aus dem Rhythmus des Gleichschritts gekommen ist: Diese und weitere Aspekte zeigt Becker, bildstark und formenklar.

Den furiosen Schlusspunkt setzt Martin Joling. Sein raumgreifendes „Limitless“ taugt als Spiegelbild für die Verrohung der Sitten einer aus den Fugen geratenden Gesellschaft. Er pflegt die Kontraste in Manga-Ästhetik – zart und hart, Küsse und Schläge – und verdichtet sie zu einer wahren Achterbahnfahrt des Erwachsenwerdens. Neue Rummelplatzliebschaft evoziert Eifersüchteleien, Berührungen versetzen der juvenilen ADS-Gesellschaft Stromschläge. Ausprobiert und ausgelotet wird freilich munter weiter. Am Ende ist Desillusion: die im Hintergrund aufgebaute Hüpfburg als eine Art Traum- und Luftschloss sackt in sich zusammen.

Für die weiteren Vorstellungen am morgigen Donnerstag (11. Juni), am 27. Juni sowie am 5., 9. und 12. Juli jeweils um 19.30 Uhr sind diesem inspirierenden Abend mehr Besucher zu wünschen als zur Premiere. Der Beifall fiel zurecht kräftig aus. Weitere Informationen finden Sie unter staatstheater-braunschweig.de im Internet.
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