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„Aus gemachten Erfahrungen muss man lernen“

Wolfgang Niedecken zieht mit BAP auf der kommenden Tour den Stecker. Foto: Mathias Bothor

„BAP zieht den Stecker“-Tour: Wolfgang Niedecken und seine Kölschrocker spielen am 24. März in der Braunschweiger Stadthalle.

05.01.2014.

Braunschweig/Köln. Das Jahr 2013 war für Wolfgang Niedecken ein äußerst produktives. Zunächst erschien im September sein neues Buch „Zugabe“. Mit dem aktuellen Album „Zosamme alt“ kommt der Kölner Musiker am 24. März im Rahmen einer Akustik-Tour in die Stadthalle. Dann heißt es: „BAP zieht den Stecker“. André Pause hat mit ihm telefoniert.

? Herr Niedecken, nächstes Jahr sind Sie mit BAP seit Jahren mal wieder in Braunschweig, wie kommt’s?

! Ja, wurde doch mal wieder Zeit, oder? Braunschweig mag ich ja auch sehr gerne, was den Fußball betrifft. Ganz großartig. Ich weiß gar nicht, ob das alles stimmt, was ich da so gehört habe, dass sich da Leute zusammengefunden und die Kohle aufgebracht haben, damit das Stadion nicht umbenannt wird. Stimmt das?

? Das stimmt. Dafür haben sich mehrere Unternehmen zusammengetan.

! Ich finde das super! Das habe ich mir auch in anderen Städten so gewünscht. Ich finde das ehrenrührig, wenn Stadien umbenannt werden, nach irgendwelchen Idiotenfirmen. In Hamburg weiß ja kein Mensch mehr, wie es heißt. Das ist zwar schon eine Entscheidung, wo es um Kohle geht, weil man konkurrenzfähig bleiben muss. Man stelle sich vor, die Kaiserslauterer würden tatsächlich ihr Fritz-Walter Stadion umbenennen … ich finde, so was kann man nicht machen.

? Lautern und Fritz Walter gehören zusammen wie BAP und sehr schöne und auch außergewöhnliche Live-Erlebnisse. Ich erinnere mich unter anderem an ein Viereinhalb-Stunden-Konzert in Wolfsburg Ende der 80er. Von acht bis halb eins und am Ende „Schuld war nur der Bossanova“ für die letzten 50 Leute im Saal. Werden Sie von Fans oft mit solchen Erinnerungen konfrontiert?

! Ja, natürlich. Das ist ein unglaublich langer Zeitraum, nicht nur die Konzertlänge, sondern auch die Zeit, seit es BAP gibt. Wir haben 1976 angefangen zu spielen, 1979 das erste Album veröffentlicht und sind vor mittlerweile 31 Jahren überregional bekanntgeworden. So eine Band muss man schon suchen, die dermaßen am Ball geblieben ist. Die meisten tanzen nur einen Sommer, wenn es hochkommt, mal drei Sommer. Wir gehen jetzt auf das 40-jährige Jubiläum zu. Ohne Worte. Und wenn ich mit Leuten ins Gespräch komme, hat jeder seine BAP-Story parat. Jeder hat irgendetwas, das er mit der Band erlebt hat. Das verbindet natürlich auch. Das merkte man auch daran, was in den Medien losgegangen ist, als ich meinen Schlaganfall erlitten hatte. Was das für ein Echo hervorgerufen hat! Die Leute haben wirklich mit mir gelitten. Dass man das erleben darf, ist irre.

? Sie haben in Fernseh-Interviews beschrieben, wie sich der Fokus verschiebt, gesagt, dass Sie nur noch Sachen machen, auf die Sie wirklich Lust haben. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeitsweise aus: im Studio, auf Tour?

! Wir denken da eigentlich gar nicht mehr dran. Ich wusste ja, dass ich danach ein halbes Jahr nicht auftreten durfte. Es wäre auch nicht gegangen. Wir haben in Köln den schönen Begriff „höösch“ (im Hochdeutschen: ganz ruhig). Wir haben höösch angefangen, und dann irgendwann die Tour nachgeholt. Für uns ist das jetzt Schnee von gestern, aber natürlich werde ich immer wieder darauf angesprochen. Im Studio war ich mit BAP in der ganzen Zeit noch nicht. Das wird erst sein, wenn das nächste Album erarbeitet wird. Das Album, mit dem ich jetzt unterwegs bin – paradoxerweise mit BAP – ist ein Soloalbum, das ich in den USA aufgenommen habe, mit amerikanischen Musikern. Gott sei Dank gefällt es den BAP-Leuten, sonst würden sie damit nicht auf Tour gehen wollen. Alle finden, dass wir aus dem Album etwas lernen können, dass es neue Perspektiven aufzeigt. Wir wollten schon lange Zeit so etwas wie eine Unplugged-Tour machen. Jetzt dürfen wir sie allerdings nicht mehr so nennen, weil sich MTV die Rechte daran gesichert hat. Also haben wir sie umbenannt, jetzt heißt sie „BAP zieht den Stecker“-Tour.

? Wird es ein rein akustisches Konzert geben?

! Ja, das wird rein akustisch. Wir sehen zu, dass wir nur in schönen Locations spielen, also nicht eine Turnhalle voll mit Klappstühlen stellen, und dann nennt man das dann unklapped...unplugged (lacht laut). Unklapped, das ist auch ein schöner Begriff. Ja, es macht keinen Sinn, wenn die Leute sich unwohl fühlen. Also keine blöden Klappstühle. Und dann könnte es eigentlich auch ein bisschen rocken. Wir wollen die Bedingungen dafür schaffen, dass man all das auch genießen kann. Das geht halt nur in etwas gediegeneren Locations.

? Hatten Sie mal im Kopf, das aktuelle Album „Zosamme alt“ vielleicht doch mit BAP zu machen?

! Eine Zeit lang habe ich überlegt, ob ich es mit BAP aufnehmen soll. Letztendlich hat dann den Ausschlag dagegen gegeben, dass ich die Jungs zu gut kenne, die mich auch zu gut kennen, und ich weiß ganz genau, dass ich dann zu Kompromissen bereit gewesen wäre. Wenn jetzt beispielsweise unser Schlagzeuger traurig durch das Studio schleicht, weil er nicht mitspielen darf, sage ich irgendwann: Komm Jürgen, jetzt spielst du wenigsten ab und zu ein bisschen Besen oder schüttelst eine Rumbarassel. Aber das Album war so gedacht, dass überhaupt keine Rhythmusinstrumente stattfinden, dass alles so zurückgenommen wird, dass eine Mandoline oder eine Gitarre auch zum Rhythmusinstrument wird. Sobald da ein Kompromiss gemacht worden wäre, wäre das ganze Ding aufgeweicht. Die Entscheidung war richtig, und das Schöne ist, dass es bei BAP jeder ganz genauso sieht. Die Band freut sich, dass wir mit dem Album jetzt auf Tour gehen können. Und wir werden die Stücke die wir spielen, sehr behutsam arrangieren. Es werden einige Nummern von diesem Album sein. Es werden aber auch Stücke sein, die wir für diesen Zweck umarrangieren.

? Die Lieder des Albums sind allesamt Widmungen in Sachen Liebe an Ihre Frau Tina, die im Laufe von etwa 25 Jahren entstanden sind.

! Das Album erzählt, wenn man es genau nimmt, die Geschichte von meiner Frau und mir. Es gibt praktisch einen Prolog, das ist „Zosamme alt“, dann gibt es einen Epilog, das ist die Coverversion „All I Really Wanna Do“, die bei mir „Alles, wat ich zo jähn wöhr“ heißt, und dazwischen stehen zwölf Songs, die unsere Geschichte erzählen. Sie sind chronologisch aufgenommen und erscheinen in fast chronologischer Form auf dem Album. Ich habe nur einmal ein Stück woanders hinsetzen müssen, weil es sonst den Bogen ruiniert hätte.

? Bei einigen Songs war mir das gar nicht so klar, dass es Liebeslieder sind, zum Beispiel „Rääts un Links vum Bahndamm“. War Ihnen das im Moment der Entstehung wirklich immer bewusst, oder hat es die Bedeutung im Nachgang bekommen?

! Ja, na klar. Gerade dieses Stück habe ich damals noch geheim geschrieben. Ich war ja schließlich noch verheiratet. Obwohl diese Ehe schon ziemlich in die Knie gegangen war. Ich habe den Song geschrieben, und so getan, als ob ich mir die Geschichte ausgedacht hätte. Es hat keiner gewusst, dass die von mir handelt. Wenn ich in meinen alten Terminkalendern nachgucken würde, könnte ich sogar das Datum nennen, wann ich im Morgengrauen von Stuttgart nach Köln gefahren bin.

? Auf „Zosamme alt“ sind 14 Lieder. Insgesamt standen wahrscheinlich noch mehr Songs zur Auswahl.

! Deutlich mehr sogar. Es hätte ein Doppelalbum werden können, wenn ich es darauf angelegt hätte. Aber dann wären zu viele Doubletten dabei gewesen, und um ehrlich zu sein: Nicht alles wäre noch mal durch meine Qualitätskontrolle gegangen. Da sind schon ein paar Stücke, bei denen ich zu viel hätte ändern müssen.

? Gibt es Stücke oder Erlebnisse die zu Stücken geführt haben, bei denen Sie sagen: Das würde ich heute aber komplett anders machen?

! Aus Erfahrungen muss man lernen. Ich finde es immer unfassbar, wenn jemand allen Ernstes behauptet, dass er nie etwas bereut. „Je ne regrette rien“ – das eignet sich vielleicht als Chansonzeile, aber ansonsten ist derjenige, der aus seinen Erfahrungen nichts lernt, doch eine arme Sau. Natürlich würde man einiges anders machen, ist man nicht auf alles stolz, was man getan hat. Ich bin nicht die Bohne stolz darauf, dass meine erste Frau und ich unsere Familie in den Sand gesetzt haben. Wer das jemals erlebt hat, weiß: Das ist scheiße. Furchtbar. Meine Kinder aus der ersten Ehe werden immer meine Kinder bleiben, die ich sehr liebe. Ich weiß, was wir denen angetan haben. Das geht alles nicht spurlos an einem vorüber. Trotzdem geht es irgendwie weiter, und du musst den Rest deines Lebens aufpassen, dass du in dieser Angelegenheit kein weiteres Unheil anrichtest.

? Dass es weiter gehen muss, klingt oft nach Durchhalteparole. Dabei ist das Zurückkehren zur Normalität ja wirklich fundamental wichtig.

! Absolut. Zur Normalität zurückkehren bedeutet auch, dass man sich von etwas nicht ständig wieder herunterziehen lässt. Man braucht ja Optimismus. Das menschliche Bewusstsein ist so angelegt, dass es in der Lage ist zu verdrängen. Man muss schon mal Sachen verdrängen oder vergessen können. Nur bei dem, der wie ich ein Elefantengedächtnis hat, kommt alles wieder hoch. Aber das brauche ich wahrscheinlich, um arbeiten zu können. Dafür kann ich mir keine Zahlen merken (lacht).

? Gibt es, vor allem mit dem erlebten Schlaganfall im Hinterkopf, musikalisch oder privat, Dinge, die Sie unbedingt noch einmal erleben beziehungsweise ausprobieren möchten?

! Für das, was das Künstlerische angeht, hoffe ich, dass ich mich weiterhin organisch entwickeln kann. Pläne können immer nur ganz grob sein. Ich weiß beispielsweise, dass wir 2016 unser 40-jähriges Bandjubiläum feiern, und dazu sollten wir etwas Sinnvolles machen. Was das sein wird, weiß ich noch nicht. Ein paar Ideen kommen infrage, mal sehen, wohin sich das entwickelt. Ich denke, dass sich über die Tour, die wir im nächsten Jahr spielen, wieder Sachen ergeben, an die ich noch gar nicht denke. Warum soll ich da also jetzt schon vorplanen und mir selber im Weg stehen. Das muss man abwarten können, und das habe ich wirklich gelernt, dass man vertrauen kann, dass alles irgendwie in die richtige Pipeline kommt. Ich bin mir bewusst, dass es ein Privileg ist, so leben zu dürfen. Alles andere wird sich daraus ergeben. Ich bin ja jetzt noch keine 80, sondern erst mal 62, und denke: Der Herbst hat jetzt angefangen. Der Sommer ist vorbei, und danach kommt noch ein Winter. Natürlich gibt es viele Sachen, wo ich sage: Es wäre toll, wenn wir das endlich mal geregelt kriegen. Ich würde gerne privat mal nach Australien beispielsweise. Das ist es dann aber auch schon. Ich will auch nichts beschreien. Kontakte mit anderen Musikern beispielsweise. Wer hätte mir denn vor 30 Jahren sagen können, dass ich irgendwann mal Bob Dylan kennenlernen würde, oder die Stones, oder dass ich mit Bruce Springsteen – etliche Male mittlerweile – auf der Bühne gestanden habe. Das hätte ich ja selbst nie gedacht, dass ich mit denen jemals etwas machen würde. Man soll mal schön geduldig sein, es wird sich schon was ergeben.
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