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Auch schön ...

Bereit zur großen Tour mit den Heimatpflegern Rudolf Zehfuß und Horst Kurzeia (1. und 2. v.l.).
 
Ein Tross von 17 gut gelaunten Radfahrern – das fällt auf und bremst auch manchen Autofahrer aus. Fotos: Birgit Wiefel

Leiferde statt Lissabon – warum nicht? Unterwegs in Braunschweig Süden.

Von Birgit Wiefel, 22.07.2017.

Braunschweig. Der junge Mann an der Kreuzung trommelt nervös mit den Fingern aufs Lenkrad. 17 Radfahrer ziehen an ihm vorbei. Das kann dauern. „Haben die eigentlich nichts Besserers zu tun“, sagt sein Blick. Nein, haben sie nicht. Auf Erkundungstour im Süden Braunschweigs.

Zum ersten Mal bei „12 mal Braunschweig“ veranstalteten Bürgerstiftung und Stadtteilheimatpfleger eine Radtour. Stöckheim statt Santorin, Leiferde statt Lissabon? Warum nicht. „Es ist toll, was sich in den Stadtteilen alles entdecken lässt“, sind Benita und Hans Grünberg fest überzeugt.

Stammgäste

Das Paar ist schon Stammgast bei der Reihe der Bürgerstiftung. Wie auch viele andere des unternehmungslustigen Trüppchens – alle zünftig in Jeans und Turnschuhen gekleidet, die meisten mit Fahrradhelm, einige mit E-Bikes.
Die Tageslosung: Tour von Stöckheim und Leiferde zum Thieder Lindenberg und über das Alte Gericht zurück. 2,5 Stunden im lockeren Tempo – allerdings mit zwei eingebauten Bergetappen. „Keine Angst – das ist zu schaffen“, zerstreut Horst Kurzeia, Heimatpfleger von Leiferde und immerhin selbst 76, gleich alle Bedenken.
Er und Kollege Rudolf Zehfuß aus Stöckheim haben die Tour schon öfter unternommen, „einmal sogar mit mehr als hundert Teilnehmern“, erzählt der Reiseleiter munter.

Und überhaupt: Bei dieser Tour geht es nicht um Leistung sondern ums Lernen. Über den Nachbarstadtteil, seine Geschichte und die Menschen, die dort leben. „Davon weiß man eigentlich viel zu wenig“, ist sich die bunt zusammengewürfelte Gruppe unisono einig.

Erster Drive-in

Lektion Nummer eins beginnt gleich am Startpunkt vor dem Großen Weghaus in Stöckheim: Das schieferverkleidete Gebäude ist sozusagen der erste „Drive-in“ Braunschweigs. 1691 durfte Kammersekretär Johann Urban Müller an der Leipziger Heerstraße (heute Leipziger Straße) einen Gasthof mit einem ganz besonderen Kick errichten: Die herzogliche Familie konnte hier gleich mitsamt Kutsche hineinfahren. „Später diente es als Zollstation auf dem Weg zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig“, weiß Rudolf Zehfuß.

Einige Kilometer weiter wird’s ländlich – und politisch. Stopp auf der Fischerbrücke. „Vor rund 850 Jahren war diese Brücke die einzige Möglichkeit, die Oker zu überqueren“, sagt Horst Kurzeia. Heute ist sie vor allem ein Zankapfel. Vor einem Jahr musste der marode Überweg nach Leiferde für den Autoverkehr gesperrt werden, ein Neubau ist geplant. Doch über das wo und wie gibt es jede Menge Diskussionen. „Die Brücke ist wichtig – für Autofahrer, Radfahrer und die Anbindung an Stöckheim“, sagt Kurzeia. Doch eine „Autobahn“ wie die Berkenbuschbrücke weiter nördlich – das wollen die Anwohner nicht. „Schon gar nicht, wenn dafür Bäume gefällt werden müssen“, sagt Kurzeia mit Blick auf die Baupläne.

Findiger Unternehmer

Keine Frage – die Leiferder wissen was sie wollen. Und sind stolz auf ihre Geschichte. Immerhin lag südlich der Siedlung am Leiferder Weg der erste Haltepunkt einer Staatsbahn außerhalb der großen Bahnhöfe. „Dass hier die Bahn von Braunschweig nach Wolfenbüttel hielt, ist Conrad Röver zu verdanken, der ganz eigene Interessen verfolgte“, erzählt Kurzeia. Der findige Unternehmer schaffte es, ganze Ausflugsgesellschaften auf den Thieder Lindenberg zu lenken, auf dem prähistorische Mammutknochen ausgestellt waren und – sein Lokal stand.
Alte Geschichten: Weder Haltepunkt noch Gaststätte existieren noch. Aber der Lindenberg (Achtung Steigung) und die Sage um die Zwerge, die dort wohnen sollen – die haben überlebt.

Gänsehaut-Effekt

Aufbruch zur letzten Etappe ins Lechlumer Holz. Ebenfalls mit schöner Steigung, aber vor allem schön gruselig: Denn hier am Hauptweg zwischen Wolfenbüttel und Stöckheim lag vom
16. Jahrhundert bis 1759 das „Hohe Gericht“ – DIE Gerichtsstätte des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel.

Eine Tafel und ein Gedenkstein erinnern an den „Galgenplatz“. „Die Verurteilten wurden hängen gelassen – als Warnung für jeden Passanten der auf dem Weg nach Süden oder Norden vorbeikam“, sagt Kurzeia und will dann doch lieber nicht ins Detail gehen. „Waren ganz schön harte Zeiten“, kürzt er mit Blick auf die entgeisterten Gesichter seiner Zuhörer ab.

Kaum vorstellbar, denn heute bietet sich von dieser Stelle einfach nur ein fantastisches Panorama – auf die sonnigen Wiesen und Felder im Süden Braunschweigs.
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