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Auch Gangster haben Burnout

Falsacappa (Matthias Stier) und seine räuberischen Komplizen Barbavano (Christophe Vetter), Pietro (Tobias Beyer), Fragoletto (Milda Tubelyté), Carmagnola (Philipp Grimm) und Domino (Götz von Ooyen, v.l.) sind in ihrem Kerngeschäft nur noch mäßig erfolgreich. Foto: Volker Beinhorn

Michael Talke inszeniert Jacques Offenbachs „Die Banditen“ im Großen Haus sehr unterhaltsam.

Von André Pause, 27.01.2016.

Braunschweig. Auf dem Spielplan steht Opera buffa, und exakt dies bekommt das Braunschweiger Theaterpublikum nun mit Jacques Offenbachs „Die Banditen“.

Regisseur Michael Talke inszeniert den Stoff bei der Premiere im Großen Haus des Staatstheaters mit auffällig hoher Taktfrequenz und hommagiert dabei nicht zu knapp die legendäre britische Komikertruppe Monty Python, aber auch andere Granden der Unterhaltung wie Loriot oder Otto.

Schon die Ankündigungen der einzelnen Akte im glamourös glitzernden Lamettakäfig durch Tobias Beyer erinnern an die Überleitungsphrase aus der Reihe „Flying Circus“ („And now for something completely different“), die Erscheinung des aus Liebe zum Räuber werdenden Bankers Fragoletto hat eine frappierende Ähnlichkeit (Schnäuzer, fette Koteletten und ölige Frisur) mit der des pythonschen Buchhalters Herbert Anchovy, der Löwenbändiger werden will, und Motive der Steinigungsszene aus „Life of Brian“ werden ebenfalls für die Bühne recycled.

Das Stück, welches in Braunschweig in Koproduktion der Sparten Musiktheater und Schauspiel aufgeführt wird, erzählt die Geschichte der Räuberbande um Hauptmann Falsacappa. Die hat ihre effiziente Phase weit hinter sich gelassen, und sehnt sich beinahe kollektiv ins gesicherte bürgerliche Leben zurück, so wenig bleibt finanziell bei der wilden Tour hängen. Vor allem der immer eine Spur neben sich stehende Anführer, den Tenor Matthias Stier herrlich vertrottelt gibt, ist dem aktuellen Banditen-Tempo nicht mehr gewachsen, klagt wiederholt über „Überforderung, Erschöpfung, Burnout“. Nichtsdestotrotz gelingt es dem gewerkschaftlich organisierten Hühnerhaufen mit Umschnall-Sixpack nacheinander als Bettler verkleidet die Köche, als Köche verkleidet die Gesandten des Fürsten von Mantuna und als Italiener verkleidet die spanische Gesellschaft zu überwältigen und einzusperren. Als im Gegenzug für die leidlich als Prinzessin von Granada kostümierte Räubertochter Fiorella (Mirella Hagen) drei Millionen aus der Staatskasse Mantuas erlöst werden sollen, geht dieser letzte Teil der Gangster-Rechnung nicht auf, weil Fürst und Finanzminister ihre Rücklagen der Libido gehorchend gnadenlos runtergerockt haben: Während der dauergrinsende Fürst (David Kosel) mit Herzogin (Pauline Kästner) und Marquise (Lisa Schwindling) eifrig die Stellungen wechselt, beichtet Philipp Grimm als Finanzminister seine Untenrumsünden später in einem bemerkenswerten Solo.

Dass der Fürst im finanziellen wie moralischen Engpass daraufhin den Räuberhauptmann – kleine Entschädigung – das Erbe des Polizeichefs antreten lässt und der das hinnimmt, ist ein Fingerzeig auf das weit verbreitete Phänomen Korruption. Die mahnenden Freiheitsrufe des von Tobias Beyer gespielten Falsacappagetreuen Pietro, eine für einen Verbrecher verblüffend ehrliche Haut, werden nicht mehr gehört.

Fazit: Auch wenn Michael Talke die politische Dimension des Stückes auf dem Altar des Humors beinahe komplett opfert, unterhaltsam ist der Abend allemal – allein durch die musikalische Stringenz und tolle individuelle Leistung des gemischten Ensembles. Der Applaus bei der Premiere ist anerkennend bis freundlich.
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