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Auch bei Eliza grünt es nachher richtig grün

Eliza Doolittle (Mirella Hagen) und Henry Higgins (Tobias Beyer) sind sich gegenseitig eine harte Nuss. Foto: Marek Kruszewski

Gelungene Premiere der spartenübergreifenden Produktion „My Fair Lady“.

Von André Pause, 27.01.2015.

Braunschweig. Eine wirklich abendfüllende, spartenübergreifende Produktion, wie jetzt mit „My Fair Lady“, die gemeinsam von Musiktheater und Schauspiel gestemmt wurde – wann hat es die am Staatstheater zuletzt gegeben?

Intendanz, Dramaturgie und Pressesprecherei sind überfragt. Die Erste zumindest, seit Joachim Klement das Haus leitet, heißt allenthalben die Antwort, die man sich, aufgrund der relativen Überschaubarkeit dieses Zeitraums auch hätte selbst geben können ...
Wie dem auch sei: Die Anwesenden der ausverkauften Premierenvorstellung von Frederick Loewes Musical-Klassiker im Großen Haus hätten sicher nichts gegen eine Fortführung des – so erfährt man in Gesprächen – abstimmungsintensiven Experiments einzuwenden. So kräftig und langanhaltend jedenfalls applaudiert das Publikum.

Operndirektor Philipp Kochheim verlegt das Stück der eher leichteren Muse auf der Zeitachse um 27 Jahre nach rechts, kurz vor den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Nichtsdestotrotz verortet er es ganz klassisch in London, transferiert es aus Angst, das Werk könne beschädigt werden (Programmheft), bewusst nicht in die Stadt, deren Dialekt auf der Bühne mehr als zweieinhalb Stunden gesprochen wird: Berlin nämlich. Eine in diesem Punkt stringente Umsetzung hätte – bei Vermeidung von Plattitüden – ihren ganz eigenen Reiz gehabt. Aber auch in der Version Großes Haus löst sich die Bild-Sprech-Schere recht schnell auf, wenn man sich nur deutlich ins Gedächtnis ruft: Berlinerisch, det is ja irjendwie och wie Cockney, wa?

An drei durch opulentes Bühnenbild (Thomas Gruber) gestützte Schauplätze wird der Zuschauer mit Hochziehen des Vorhangs effektvoll gezoomt: In den U-Bahnhof Paddington-Station, Ort des Näherrückens im Ausnahmefall Krieg, die Welt der Blumenverkäuferin Eliza Doolittle, dann in die mit Insignien des Bildungsbürgertums vollgestopfte Souterrainbutze des Phonetik-Professors Henry Higgins sowie in den herrschaftlichen Salon der feinen Gesellschaft, der bald durch Bombenbeschuss in Mitleidenschaft gezogen und hernach mit Brettern geflickt werden soll.

Die Kriegshandlungen im Churchill-England sind es auch, die die Menschen zusammenrücken lassen. Higgins, den Tobias Beyer in einer an Professor Börne aus dem Münster-Tatort gemahnenden Over-the-top-Attitüde gibt, gerät an die burschikose wie freche Eliza, der Mirella Hagen mit spielerischem Können und frühlingshaftem Sopran Frische und Lebensfreude einhaucht.
Higgins Idee, Eliza durch sprachlichen Drill kompatibel für höhere Gesellschaftsschichten zu machen („die Sprache macht es, nicht die Herkunft“), führt über eine Wette mit Freund Oberst Pickering (spielerisch zurückhaltend, gesanglich blass: Andreas Bißmeier) direkt in schwerste Schindereien. Doch die tragen Früchte: „Es grient so grien“, wird auch bei Eliza zu „Es grünt so grün“. Und die ungewohnt illustren Kreise begegnen ihr danach – obgleich sie recht ausdauernd demonstriert, dass man seinen Wurzeln nur bedingt entkommen kann – positiv. Mama Higgins, deren lakonische Hochnäsigkeit Grande Dame Nadja Tiller hinter ausgebreitetem Fächer schön auf den Punkt bringt, ist recht angetan, Freddy, den Tenor Matthias Stier mit vollem Körpereinsatz spielt und voller Glut singen lässt, sogar komplett hin und weg.
Schlichweg großartig ist zudem Moritz Dürr als Vater Doolittle. Er verleiht dem kodderschnauzigen Tippelbruder eine charmant-gewitzte Facette. Dürr mag aus dem Schauspielensemble den dankbarsten Gesangspart haben, dafür sprühen bei seinem „Mit ’nem kleenen Stückchen Glück“ dann aber auch die Funken.

Überhaupt bleibt die Musik noch lange über das offene Ende (zumindest kommt Eliza wortlos auf eigenem Weg zum ewigen Junggesellen Higgins zurück) hinaus im Ohr – Evergreens wie „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ sei Dank. Das Orchester unter der Leitung von Christopher Hein setzt nuanciert Akzente und verleiht dem kurzweiligen Musical-Abend den passenden Rahmen.
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