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Angst vor allzu „geschwinder Zeit“

Am „Krisentisch“ zeigen sich die Folgen der neuen Weltsicht: Die Menschen werden sich ihrer selbst bewusster und wagen es, der Obrigkeit Beschwerdebriefe zu schreiben. Foto: Marion Korth

Reformation brachte den Wandel – Und in Braunschweig wurde Kirchengeschichte geschrieben.

Von Marion Korth, 5. Mai 2017.

Braunschweig. Häuserfassaden im Halbdunkel. Der Besucher betritt eine andere Welt, Deutschland vor 500 Jahren. Wie lebten die Menschen damals, was dachten sie? Die Ausstellung „Im Aufbruch. Reformation 1517 bis 1617“ geht diesen Fragen nach und verfolgt den Weg einer Idee, die Martin Luther in die Welt gesetzt hatte, sicher ohne zu ahnen, dass er sie damit für immer verändern würde. Heute wird die Ausstellung im Braunschweigischen Landesmuseum eröffnet.

Die Frage, wo denn bitte Martin Luther seinen Platz in der großen Landesausstellung gefunden hat, ist berechtigt. Er spielt keine Hauptrolle. Es geht nicht um seine Person, sondern seine Thesen, warum sie auf fruchtbaren Boden fielen und was sie bewirkten.
Aus dem Schatten tritt Luthers Weggefährte, der Vordenker Johannes Bugenhagen. Die Brüdernkirche war „Büro und Wiege der Reformation“, sagt Pfarrer Dieter Rammler, Direktor der Evangelischen Akademie Abt Jerusalem. In Braunschweig habe dieser „Praktiker der Reformation“ Kirchengeschichte geschrieben und mit seiner Forderung beispielsweise nach kostenloser Krankenbehandlung Sozialreformen angemahnt. Die Fragen von damals seien ähnlich denen heute. Da möge man nur an Obamacare denken, sagt Rammler.
Die Akademie ist ebenso wie die Evangelisch-lutherische Landeskirche Kooperationspartner der Ausstellung. Außer im Haus am Burgplatz wird das Thema Reformation auch Hinter Aegidien und in der Kirche St.-Ulrici Brüdern gespielt.
Vor 500 Jahren wurde das mittelalterlich geprägte Weltbild auf den Kopf gestellt, nicht nur, weil die Erde nicht länger als Mittelpunkt des Universums galt. Alles war in Bewegung. „Beschleunigung“, sagt Museumsdirektorin Dr. Heike Pöppelmann, ist einer der Begriffe, der den Beginn des 16. Jahrhunderts beschreibt. Die Menschen von damals hatten ihren eigenen Ausdruck dafür, sprachen von „geschwinden Zeiten“. „Geschwind“ stand dabei für schnell, aber im schlechten Sinn. Was heute die Digitalisierung ist, war damals der Buchdruck, der auch den Lehren der Reformatoren schnelle Verbreitung ermöglichte. Viele Parallelen lassen sich zu heute ziehen, wieder einmal stehe die Welt vor einem Umbruch.
Eines aber lässt sich schwer vermitteln, trotz Halbdunkels, unheimlicher Buchillustrationen und züngelnder Flammen: Die ständige Gegenwart von Tod und Teufel, die Angst vor dem Fegefeuer und die bange Frage, wie ihm zu entgehen ist – was den Ablasshandel, gegen den Luther einst wetterte, ja erst ermöglicht hatte.
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