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Am Ende dürfen Tränen kullern

Gegen physikalische Gesetze und das unentrinnbare Schicksal hilft kein Kampf: die Tanz-Compagnie des Staatstheaters bei der Arbeit. Foto: Ursula Kaufmann

Brahms „Deutsches Requiem“ feierte als orchestriertes Tanzstück Premiere im Großen Haus.

Von André Pause, 24.02.2016.

Braunschweig. Es ist ein Massenaufkommen, was da bei der Premiere von Johannes Brahms „Ein deutsches Requiem“ auf der Bühne (und dem Orchestergraben) im Großen Hauses des Staatstheaters zu erleben ist. Rund 180 Akteure der Sparten Tanz, Orchester und Musiktheater erfordern ein Höchstmaß an Abstimmung.

Doch selbst wenn diese stimmt, bleibt das Stück als Kooperation ein Wagnis, ist die körperliche Bewegung in diesem Fall doch beinahe sklavisch gebunden an das mächtige musikalische Werk. Tanzdirektor Gregor Zöllig hat sich darauf eingelassen, den sieben Sätzen des Requiems zu dienen. Allein dafür gebührt ihm Respekt.

Brahms wich vom traditionellen Kanon des Requiems als Totenmesse ab, wählte statt der üblichen Messtexte Auszüge des Alten und Neuen Testamentes, widmete sein Werk damit weit weniger den Toten als vielmehr den Trauerarbeit leistenden Hinterbliebenen.

Diese in die Zukunft gerichtete Haltung macht Zöllig gemeinsam mit seiner Compagnie sichtbar. Zur Musik der Staatsorchestermusiker unter der Leitung von Georg Menskes gelingen dem Tanzensemble immer wieder assoziationsstarke Bilder im Kontext menschlicher Sterblichkeit. Aber auch die Möglichkeiten und Chancen des Lebens sucht und findet die Choreografie.
Sehr plakativ und trotzdem anrührend ist der Beginn des Stückes. Ein heller Komet fliegt diagonal über die Bühne, schlägt mit Karacho ein, und um zwei Autowracks liegen die Tänzer als Opfer des von höheren Mächten verursachten Crashs. Nahe am Tempo null rühren sich die Verunglückten. Das Leben kehrt zurück – mit einer Ausnahme. Ein Mann bewegt, hält und stützt seine sterbende Frau. Das Loslassen müssen scheint ihn zu brechen. Der in Trauer versunkene wird von Nahestehenden aufgerichtet, doch das Tempo seiner Umwelt kann der Mann zunächst nicht mehr mitgehen.

In der zweiten großen Szene des Abends rennen die Tänzer kollektiv eine riesige Halfpipe hinauf, auf der eben noch projizierte Bilder einer vielbefahrenen Autobahn zu sehen waren. So sehr sich auch gereckt und gestreckt wird: Ans Ziel kommt im unendlichen Raum trotz größter Anstrengungen selbstredend niemand. Immer wieder rutschen die Kämpfenden den physikalischen Gesetzen folgend auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein starkes Symbol für das Erkennen des unentrinnbaren Schicksals aller.

In der Folge werden die Bilder etwas zu stark ausgewalzt. Vor allem in den Ensembleszenen wiederholt sich vieles. Irgendwann hat man alle Motive über die Suche nach Trost, über das gegenseitige Runterziehen und Aufrichten, das Fallenlassen und Auffangen oder auch den Kampf um die Rückgewinnung der Normalität nach dem Verlust schon mal gesehen. In dieser Phase wird die Spannung allein über Soli aufrechterhalten.

Am Ende freilich packt einen die Premiere doch noch mal richtig: Die Tänzer wiegen weiße Laken im Arm, nacheinander breiten sie diese aus, um filmischen Rückblenden in schwarz-weiß eine Leinwand zu geben: Noch einmal sind Lachen und Spaß und Nachdenklichkeit zu sehen. Bis die Laken wieder geknäuelt in den gebeugten Armen verschwinden. Erinnerungen. Da darf dann ruhig eine Träne kullern – das gehört alles dazu.
Unter dem Strich ist der Abend einer, der eher berührt als fordert. Choreographisch mögen die 75 Minuten manchem sogar konventionell erscheinen. Dem Premieren-Publikum allerdings gefällt es: Der Applaus ist langanhaltend und kräftig.

Die nächste Aufführung ist am kommenden Sonntag um 14.30 Uhr. Alle weiteren Termine und Infos im Internet unter staatstheater-braunschweig.de.
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