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Als sei die Zeit stehengeblieben

Fotokünstlerin Roselyne Titaud. Foto: André Pause

Roselyne Titauds Bilder der Ausstellung „Visites“ im Photomuseum erinnern an die Genremalerei.

Von André Pause, 29.01.2014.

Braunschweig. Zwölf Jahre hat sich die französische Fotokünstlerin Roselyne Titaud fast ausschließlich mit dem Interieur von Wohnungen fremder älterer Leute beschäftigt. Den Zwischenstand dieses Schaffens zeigt sie nun bis zum 23. März in den Torhäusern des Museums für Photographie.

„Nichts ist komponiert, alles ist gefunden“, sagt die Künstlerin (Jahrgang 1977) beim Presserundgang ihrer „Visites“ betitelten Ausstellung. Ein Satz wie ein Werbeslogan. Ausgestellt sind, im Mittelformat, persönliche Einrichtungsvorlieben und -geschmäcker dieser Menschen.
Für die Initialzündung zu der bislang etwa 250 Fotografien umfassenden Arbeit hat weiland ein Umzug der eigenen Großmutter gesorgt. Daraufhin fahndete sie im Freundeskreis weiter, nach Herrschaften im fortgeschrittenen Alter, die die Bereitschaft zur Ablichtung ihres Wohnraums im Stil der stehengebliebenen Zeit mitbringen. Keine leichte Aufgabe sei das, erklärt Titaud, und verweist auf die natürliche Hemmschwelle, Türen für eine unbekannte Person zu öffnen. Dass sie grundsätzlich in Abwesenheit der Wohnungsinhaber arbeite, mache die Sache nicht einfacher.

Die Motive sind wenig Aufmerksamkeit heischend. Betont ruhig, spartanisch und klar geordnet geht es zu in dieser Bilderwelt. Hier ein altgelbes Kaffeeservice oder ein grünes Gläschen im Schiebewagen, da eine Blumenvase auf der Anrichte, immer wieder Stühle, Betten mit Überwürfen und bestickten Kissen, Stehlampen oder Wandschränke – Titaud sucht und findet Inseln der Individualität im privaten Wohnraum. Meist sind es aus der Zeit gefallene Dinglandschaften, an deren einzelnen Bestandteilen der Zahn der Zeit nagt. Kontrastiert wird der Eindruck nicht selten durch ein Höchstmaß an Aufgeräumtheit und Akkuratesse, für das die Besuchten vor der Künstlerinnenvisite bewusst oder unbewusst gesorgt haben müssen.
Ist die Szenerie eine Hommage an die Nachhaltigkeit, oder bloß die – wahrscheinlich natürliche – Abstinenz von Veränderungs- oder Verschönerungswillen auf der Zielgeraden des Lebens? Man weiß es nicht und fängt an zu imaginieren und zu spekulieren. Wie sehen die Leute aus, die hier wohnen, wohnen sie überhaupt noch hier, was sind das für Menschen, wie sind sie im Inneren? Das ist vielleicht die wahre Stärke der Ausstellung: Dass es im Kopf ordentlich ramentert. Roselyne Titaud, das spürt man, geht es nicht um das Ausspähen von Privatsphäre, um Voyeurismus. Sie zeichnet, lichtdramaturgisch an die Genremalerei angelehnt, konzise Bilder des Alltags. Im Fokus der Künstlerin steht die Idee für Raumarrangements, das Abbilden von Material und Oberfläche, von Form und Farbe.

Begleitend zur Ausstellung ist Titauds titelgebendes Künstlerbuch „Visite“ im Kehrer Verlag Heidelberg erschienen. Weitere Informationen finden Sie unter www.photomuseum.de .
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