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Aktuelle Kontexte und variable Zugriffe

Provokativ: Die Performance „Brazilification“ der schweizerischen Gruppe Neue Dringlichkeit. Foto: J. Zielinski

Heute ist letzter Tag des dritten „Fast Forward“-Festivals für junge Regie – Der Gewinner inszeniert für das Staatstheater.

Von André Pause, 24.11.2013.
Braunschweig. Am heutigen Sonntag entscheidet sich, welcher Nachwuchsregisseur die Fachjury des dritten „Fast Forward“-Festivals im Staatstheater am nachhaltigsten beeindruckt hat.

Sieben Produktionen stehen letztendlich zur Auswahl, und damit sieben individuell divergierende Handschriften und Zugriffe auf den jeweiligen Stoff. Dass es trotzdem Resonanzen zwischen den Stücken gibt, scheint mit Blick auf aktuelle Kontexte, die zur Debatte stehen, klar.
Am Eröffnungstag bleibt nach den Stücken „Ùzivo Frau Stirnimaa!“ und „GMGS_ What The Hell Is Happiness?“ manche Frage offen. Bei der zweiten Produktion ist das gewollt. Das italienische Duo Codice Ivan begibt sich performativ auf Glückssuche durch die komplette Menschheitsgeschichte. Drei mit Kreide auf den an die Rückwand videoprojizierten Bühnenboden hektisch gekritzelte, immer wirrer werdende Lebensentwürfe samt Beziehungsgeflechte zeigen: Glücklich war der Mensch als Affe, nur die nächste Banane im Sinn. Komplex ist das Leben im Heute mit seiner Unendlichkeit an Optionen. Ist die Botschaft hier auch relativ banal: Die Art und Weise, wie Codice Ivan den Bühnenraum zusätzlich durch allgemeingültige Statements verengen und dann mit ohnmächtiger Wut zum Platzen bringen, ist beeindruckend. Natürlich bleibt das Stück ein Problemaufriss, Antworten gibt es nicht. Am Ende steht die charmante Einladung an das Publikum, eigene Ideen/Utopien via E-Mail mitzuteilen. Gefällig an „Ùzivo Frau Stirnimaa!“ ist allein der Beginn. Asylbewerber fahren im Brotkastenvolvo zum Weltmusikfestival und erzählen beziehungsweise musizieren sich durch ihre Migrantengeschichten. Der Schweizer Regisseur Lorenz Nufer wählt den komödiantischen Zugriff – und verzettelt sich. Letztlich sind seine Fremden lethargische Dorfschweizer, die den Plan ersinnen, einen wertvollen Diamanten und Beethovens verschollen geglaubte Zehnte Sinfonie zu rauben. Das verstehe, wer will ... Der vollmundig als „wahre Räuberpistole“ angekündigte Plot entpuppt sich jedenfalls als qualmender Colt mit Knoten im Lauf.
Wie aufregend wird es dagegen, wenn die Formation Neue Dringlichkeit am maschendrahtumzäunten Homeland in Brasilien (wohl) selbsterlebte Geschichten zum Besten gibt. Zwei der drei Performer haben einen Teil ihrer Kindheit im südamerikanischen Land verbracht, der Dritte ist als Aussteiger eine Zeit lang dort hängengeblieben. Die narrative Verhandlung der sozialen Ungleichheit des Landes ist somit autobiografisch unterfüttert. Aus verschiedensten Blickwinkeln werden die Probleme in Augenschein genommen. Die SUV-fahrenden Yuppies schwadronieren: „Die Armen ficken zu viel“, „verlotterte Schwarze“, „Pest“ und so weiter. Favelabewohner bauen unterdessen glaubhafte Drohkulissen: „Chill, sonst schieß ich dir das Gesicht weg.“ In dieser extremen Gemengelage eine Haltung zu finden – erst recht, wenn die eigene Position die zwischen allen Stühlen ist – ist eine Herausforderung. Die Performer stellen sich dem eigenen Zweifel und mit ihm dem Publikum. Das ist im Ergebnis oft politisch unkorrekt, macht aber den besonderen Reiz dieser Produktion aus: Die Protagonisten werden angreifbar. Gelungen ist auch das Gesellschaftsspiel „Dehors“ der belgischen Compagnie De Facto. Aspekte zum Thema Obdachlosigkeit werden je nach Losfarbe angespielt (blau), impulsiv diskutiert (rot) oder versuchsweise eingeordnet (grün). Obwohl, oder gerade weil das Stück moralisch keine Stellung bezieht, liegt hier der Finger in der Wunde: Die zunächst mächtig wirkende Sekundenzahl des Stückes läuft gnadenlos ab, doch in der Sache kommt man eigentlich nicht voran.
Im Anschluss an das heutige Programm wird der Gewinner bekanntgegeben, der in der kommenden Spielzeit eine Inszenierung für das Staatstheater machen darf. Mehr Informationen: staatstheater-braunschweig.de .
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