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50 Solisten, 400 Kostüme: „Ragtime“

ateh (Randy Diamont) muss seine Tochter wegschicken. Doch er holt sie zurück.
 
Ein schwarzes Baby im Arm: Mutter (Monika Staszak) und Vater (Mike Garling).
Braunschweig: Staatstheater |

Deutsche Uraufführung im Großen Haus: Das Musical „Ragtime“ ist ein Rausch an Farben, Gefühlen und Musik.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 26.09.2015.

Braunschweig. Die Musik, die Stimmen, der Tanz, Kostüme, Bühne – spektakulär. Das Musical „Ragtime“ ist ein Muss für alle: Theaterfans oder Theatermuffel, jung oder alt, weiß oder schwarz – dieses Stück ist lebendig und fast erschreckend aktuell.

50 Solisten, 400 Kostüme, ein eigens nachgebauter Ford Modell T. Das Staatstheater entfaltet bei dieser Produktion seine ganze Strahlkraft – in allen Gewerken. Regisseur und Operndirektor Philipp Kochheim bleibt in der Zeit, modernisiert nicht krampfhaft, zumal die moderne Völkerwanderung und ganz konkret die Flüchtlinge in Braunschweig die Aktualität selber herstellen. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen.
Die Erzählung beginnt kurz vor dem Ersten Weltkrieg; New York brodelt und kocht, etablierte
Upper-Class-Familien, bettelarme Einwanderer, schrille Künstler, Bürgerrechtler, Gewerkschafter – Welten prallen aufeinander.
„Man nennt sie Lumpenschiffe“, erklärt ein Kapitän seinen Mitfahrern beim Auslaufen zu einer Arktisexpedition die überfüllten Kähne, die zeitgleich in den New Yorker Hafen einlaufen. Auf Sichtweite der staunenden weißen Forscher hocken die elenden Gestalten „aus den Kloaken Europas“, wie der Kapitän präzisiert. So viel zum Thema „Wirtschaftsflüchtlinge“. Eine der großen Momente der Inszenierung, die Bühnenbildner Thomas Gruber mit riesigen Masten und Schiffsbugen, die aneinander vorbeifahren, höchst eindrucksvoll umgesetzt hat. Jede Szene überzeugt mit detailgenauer Ausstattung. Dazu die Kostüme von Mathilde Grebot, ärmliche Figuren mit Pappkoffern in der Hand, daneben prächtige Tanzkleider mit rauschenden Unterröcken. Auch hier höchste Authentizität und Genauigkeit bei Stoffen, Mustern, Schnitten.
Die Musik trägt durch englische Songtexte, deutsche Dialoge. Ergreifende Arien wechseln sich ab mit rhythmisch-intensiven Ragtime-Stücken.
Drei große Erzählstränge führen durch ein regelrechtes Gewimmel an Figuren, Geschichten, Sketchen und Anekdoten.
Da ist zunächst der schwarze Ragtime-Pianist Coalhouse Walker jr. – ein amerikanisches Pendant zu Kleists Michael Kohlhaas – dem das Schicksal seinen Traum von Gerechtigkeit zerstört und der zum Outlaw wird, einer, der das Gesetz selber in die Hand nimmt. Alvin Le-Bass gibt dieser Figur stimm- und tanzgewaltig eine hohe Glaubwürdigkeit. Vor allem am Klavier im Haus der Mittelstandsfamilie, in der seine Freundin und sein Baby Unterschlupf gefunden haben. Als sich Coalhouse hier ans Klavier setzt, ist jede Note eine Bitte. Bewegend.
Der aus Lettland stammende jüdische Immigrant Tateh und seine Tochter dagegen schaffen den Aufstieg von der Straße in das neu entstehende Filmbusiness. Aber ihr Weg ist lang und steinig. Herausragend Randy Diamont in der herzzerreißenden Szene, in der er seine Tochter auf den Weg in ein Waisenhaus schicken will, weil er sie nicht mehr ernähren kann.
Und dann ist da die nette weiße Familie aus dem New Yorker Vorort New Rochelle, in deren Alltag alle Figuren auf die eine oder andere Weise zusammentreffen. Bewegend der Moment, in dem die Mutter (Monika Staszak) Coalhouse Freundin Sarah bei sich aufnimmt (die schwarz ist und schwanger und nicht weiß wohin). Aber auch der Vater verkörpert eine ganze Bevölkerungsschicht, Mike Garling singt diese Rolle mit einem samtigen Bariton, der zu Tränen rührt.
Das ganze Ensemble, Chor, Orchester, Statisterie laufen in „Ragtime“ zu Höchstleistungen auf. Donnernder Applaus bei der Premiere.

Ragtime:

Erst 1996 kam „Ragtime“ als Musical auf die Bühne; in Toronto, Kanada. 1998 ging die Show an den Broadway, dort wurde sie mehr als 800 Mal hintereinander gespielt. Auch im Londoner West End lief das Stück mit großem Erfolg. Erst jetzt – 2015 – endlich erreicht „Ragtime“ auch europäisches Festland: genauer Braunschweig. Die Produktion am Großen Haus ist eine deutsche Uraufführung.
Den 1975 erschienenen Roman „Ragtime“ von Edgar Lawrence Doctorow (1931 bis 2015) setzte das Time Magazin auf die Liste der 100 besten englischsprachigen Bücher, die zwischen 1923 und 2005 geschrieben worden waren.
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