Anzeige

1913 – Familie am Abgrund

Carl Sternheims Zyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ im Großen Haus.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 10.04.2013.

Braunschweig. Puh – am Ende wird es zäh. Sternheims Dramenzyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ dauert fast vier Stunden, und einem witzig-originellen Auftakt folgt eine eher mühsame Reise in die Vergangenheit.

"Die Hose“ – das erste Stück – zeigt uns Theobald Maske und sein brav eingerichtetes Leben. Herr Maske liebt gesicherte Verhältnisse in gesicherten Bahnen, Pünktlichkeit und Ordnung. Aber Herr Maske liebt auch die Unterordnung – bei seiner Frau. Die rüde eine an die Backe kriegt, weil ihr „vor den Augen des Kaisers“ die Unterhose weggerutscht ist. Moritz Dürr ist ein rundweg überzeugender „Herr Maske“, er lässt die Spießbürgerlichkeit blühen, gibt den gewieften kaisertreuen Fuchs, der den Untermietern (Christoph Finger als verklemmter Barbier und Raphael Taub als schwärmerischer Dichter), das Geld aus der Tasche zieht. Ein selbstzufriedener Mann seiner Zeit. Mit einer jungen, schönen Frau (Theresa Langer) an der Seite. Die hat erotisch jede Menge Nachholbedarf hat und ist dementsprechend anfällig für die Baggerversuche ihrer Untermieter. Martina Struppek als Nachbarin hilft mit praktischen Tipps beim Einfädeln amouröser Abenteuer und wird schließlich vom Hausherrn selbst vernascht, dessen Moralpredigten eben nur für andere gelten. Vor allem für Frauen. Wie und in welchen heute unvorstellbaren Abhängigkeiten die Frauen des Bürgertums 1913 „gehalten“ wurden, lässt die Inszenierung deutlich werden. Bürgerliche Abgründe tun sich auf.
Im zweiten Teil „Der Snob“ verliert das Stück an Energie. Zwar spielt Hans-Werner Leupelt Maskes karrierebewussten Sohn Christian mit überzeugender Verbissenheit. Er bricht mit seinen Eltern, um in der verarmten Adelsfamilie seiner Frau ohne peinlichen Anhang auftreten zu können, aber die Geschichte dreht sich zu langsam weiter. Es zieht sich. Zumal aktuelle Bezüge nur kurz aufblitzen. Daran fehlt es dem Abend, die Fragen nach dem Woher und Wohin, die beim Blick auf das Jahr 1913 so gut wie zu allen gesellschaftlichen und politischen Themen gestellt werden können und müssen, kommen zu kurz.
Das dritte Stück „1913“ führt die Familie Maske in die Katastrophe: Christian, jetzt mächtig reich, aber todkrank, hadert mit seinen verwöhnten Kindern, aber die Kapitalismuskritik, die Sekretär Wilhelm Krey (Martina Struppek) zu verkünden hat, kommt ohne Wucht.
Der Abend ist lang, lohnt sich aber auf jeden Fall, allein schon wegen der erstklassigen Schauspielleistung. Das Ensemble überzeugt, die Regie von Nicolai Sykosch hat leichte Schwächen. Wieder am kommenden Sonnabend (19 Uhr).
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.