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Zwei Zeiten in einer Karte

1938 und 2010: Eine Stadt, zwei Grundrisse

Von Marion Korth, 01.12.2010

Braunschweig. Grüne Flächen, rosa Flächen, bräunliche Flächen. Das also ist die historisch-synoptische Karte der Braunschweiger Innenstadt. Die Stadtgrundrisse von 1938 und 2010 sind dafür übereinandergelegt worden. Merkwürdig sieht das aus, aber auch interessant.

Grün steht für die Bebauung 1938, Rosa für die des Jahres 2010, Braun für die Flächen, auf denen damals wie heute Häuser standen. Die Überlagerung der Stadtgrundrisse verdeckt nicht, sondern zeigt Unterschiede auf einen Blick. „Die Karte lädt zu gedanklichen Spaziergängen durch Braunschweig ein“, sagt Udo Gebauhr. Der Leiter der Stelle Denkmalschutz bei der Stadt hat das Einführungsheft geschrieben, die Stadtgrundrisse von früher und heute verglichen, sich seine Gedanken dazu gemacht, wie sich die Leitlinien der Stadtplanung verändert haben.
1993 ist schon einmal eine solche synoptische Karte herausgegeben worden, aber seitdem hat sich Braunschweig verändert: Die Schlossarkaden sind neu, die VW-Halle oder der Anbau des Herzog-Anton-Ulrich-Museums. Aber das sind fast Kleinigkeiten im Vergleich zu Braunschweig vor der Zerstörung und zur wiederaufgebauten Stadt. „Das mittelalterliche Braunschweig ist damals verlorengegangen“, sagt Gebauhr. 90 Prozent der Häuser seien nach den Bombardierungen beschädigt oder zerstört gewesen. Die grünen Flächen in der Karte zeigen, wo 1938 noch Häuser standen. Braunschweig vor dem Krieg war voller Fachwerkhäuser, kleinteilig, verwinkelt, wunderschön, millionenfach fotografiert, berühmt in Deutschland. Aus Sicht eines jeden Feuerwehrmannes ein Albtraum.
Die Stadtplaner sahen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur den Verlust, sondern die Chance, Braunschweig zu einer modernen Stadt umzugestalten. „Der Verkehr war damals die bestimmende Position“, erläutert der Denkmalschützer. Entlang der Langen Straße zum Beispiel fielen ganze Häuserzeilen weg, um die Straße ausbauen zu können. Nicht alles war direkt als Folge des Krieges zerstört worden: „Der Neuaufbau hat etliches beseitigt, das erhaltenswert war“, sagt Gebauhr, nennt als Beispiel die Schlossruine.
Stadtplaner von heute sehen manches anders. Manchmal werde mit den Verkehrsplanern um Zentimeter gefeilscht, um an eine historische Stadtansicht anknüpfen zu können. „Die neue Brücke am Fallersleber Tor wird genauso breit, wie sie früher war“, sagt Klaus Hornung, Leiter des städtischen Fachbereichs Stadtplanung und Umweltschutz. Er findet wichtig, geschichtliche Bezüge im Stadtbild wieder sichtbar zu machen. „Braunschweig braucht das, die Stadt leidet unter dem Verlust der Identität“, sagt er. Das moderne Braunschweig, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, sei „eher abschreckend“. Die Westfassade des Bohlwegs zeige das deutlich.
Die Borek-Stiftung und die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz haben das Kartenprojekt finanziert. Viel Rechenarbeit steckt dahinter. Die Vermessungstechnik hat sich in 72 Jahren verändert, weshalb die Karte von 1938 nicht deckungsgleich mit der von heute ist. Anhand von 50 Fixpunkten im Stadtbild, wie den großen Kirchen, wurde sie am Computer angeglichen.
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