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„Zu Besuch in“ – Veltenhof: Von Spargel, Tabak und Wein

Sehenswert: Die Mühlenkirche in Veltenhof. 1930 wurde das Bauwerk von 1876 zur reformierten Kirche geweiht und sorgte gleich für Aufsehen. Über die damals „kleinste Kirche der Welt“ berichtete selbst die Herald Tribune aus New York. Fotos: Birgit Leute
 
Überrest der alten Holländermühle: Ein Mühlstein im Garten der Kirche. Ein zweiter – neu gestalteter – dient heute als Abendmahltisch.

Stadtteilheimatpfleger Bernd Maul stellte in der Mühlenkirche den Braunschweiger Norden und seine pfälzische Kolonie vor.

Von Birgit Leute, 28.01.2017.

Braunschweig. Nein, eine Kostprobe muss dann doch nicht sein. „Meine Großeltern redeten noch pfälzischen Dialekt, ich selbst kann es nicht mehr richtig“, wehrt Bernd Maul ab. Der 65-Jährige ist Stadtteilheimatpfleger von Veltenhof. Zum Auftakt der Reihe „12 mal Braunschweig“ der Bürgerstiftung Braunschweig stellte er vor rund 60 Zuhörern sein Viertel vor. Eine Geschichte über die Folgen der Reformation, kostbaren Spargel und Pfälzer im hohen Norden.

Auf dem Weg nach Norden

Seit sechs Jahren ist Bernd Maul Stadtteilheimatpfleger. Und sozusagen Veltenhöfer „der ersten Stunde“. Oder besser: Nicht er, sondern seine Familie. Rund 20 Jahre nachdem die ersten Auswanderer aus dem Pfälzischen ins Herzogtum Braunschweig gezogen waren, taucht auch der Name Maul auf. Das war um 1770. „Meine Vorfahren stammen aus Hessen und der Kurpfalz“, erklärt Maul.
Wie kam es dazu, dass Süddeutsche den beschwerlichen Weg Richtung Norden auf sich nahmen? „Am Anfang steht die Reformation“, sagt Maul, „und die Wirren, die sie hervorrief.“ Vor allem für die Pfälzer wurde die Situation im 17. und 18. Jahrhundert unerträglich: Das Land war vom Dreißigjährigen Krieg und französischen Einfällen verwüstet, das Volk litt unter mehreren Pestepidemien und den katholischen Fürsten, die ihre zumeist protestantischen Untertanen an einer ziemlich kurzen Leine hielten, das heißt ihnen jegliche Aufstiegsmöglichkeit verweigerten. „Den einfachen Leuten blieb nur eine Wahl – auszuwandern und zwar unter Bedingungen, die uns heute sehr bekannt vorkommen“, so Maul.

Im Winter 1749 kamen die ersten zwölf Familien im Braunschweiger Herzogtum an – geschwächt, krank und buchstäblich mit den letzten finanziellen Reserven. Wirklich rosig war ihre neue Heimat auch nicht: Karl I. wies ihnen ein wüstes Stück Land im Norden von Braunschweig zu, auf dem kaum etwas wuchs.
„Selbstverständlich erhielten sie das nicht ohne Gegenleistung“, berichtet Maul von dem herzoglichen Kalkül. Die Pfälzer sollten Tabak und Wein anbauen. Ohne Erfolg. „Das Klima war völlig ungeeignet“, weiß der Heimatpfleger.

Das einzige, was wuchs war Spargel. Dieser und das pfälzische Erbe sind bis heute typisch für Veltenhof: Es gibt noch Häuser, die nach pfälzischer Tradition gebaut sind, das „Veltenhejwersch“ – eine pfälzische Mundart – und zahlreiche Kontakte zu anderen pfälzischen Kolonien. So reist Bernd Maul regelmäßig zu Gruppen an den Niederrhein, in den Norden von Berlin und nach Dänemark. „Leider stirbt die Mundart langsam aus“, bedauert Maul, dessen Eltern darauf achteten, dass der Sohn Hochdeutsch und nicht im Dialekt sprach. Dennoch: Einmal im Monat trifft sich ein Gesprächskreis zum „Pfälzischen Abend“ und erinnert an die Wurzeln von Veltenhof.

Zu Besuch in...

Straßen und Bauwerke, Geschichte und Geschichten von Menschen – wer kennt schon wirklich das Viertel, in dem er lebt? Mit der Reihe „12 mal Braunschweig“ stellen die Bürgerstiftung Braunschweig, die Stadtteilheimatpflegern und die Stadt unbekannte Ecken vor – und die NB ist dabei. Im Rahmen der Reihe begleiten wir jeden Monat die Stadtteilheimatpfleger auf ihren Entdeckungstouren. Der nächste Termin findet am 24. Februar statt. Dann stellen Ingrid und Otto Dierling das Dorf Geitelde vor. Die Teilnahme ist kostenlos. Alle Infos und die Anmeldebedingungen im Internet unter: www.buergerstiftung-braunschweig.de.
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