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Von Verlust kann keine Rede sein

 

Fahrrad-Vorreiter: Astrid Oberthür und Wilhelm Meister haben seit 20 Jahren kein Auto mehr.

Von Marion Korth, 12.07.2016.

Braunschweig. Es ist Zufall, dass wir uns in diesem Sommer treffen, um über das Fahrradfahren im Allgemeinen und Besonderen zu sprechen, aber tatsächlich ist es genau 20 Jahre her, dass Astrid Oberthür und ihr Mann Wilhelm Meister ihr Auto abgeschafft haben. Das Fahrrad ist das Verkehrsmittel ihrer persönlichen Wahl. War es schon vor 1996. „Unser Auto stand nur noch und stand und stand“, sagt Meister. Jahreskilometerleistung zuletzt: 3000. Selbst für Urlaubsfahrten brauchten sie es nicht. Astrid Oberthür und Wilhelm Meister fahren auch in den Ferien lieber Fahrrad.

Zeit, um den endgültigen Schnitt zu machen. Ökonomische Gründe zählten kaum. „Wir waren damals schon umweltbewusst“, sagt Astrid Oberthür. Das Geld, das sie früher in den Unterhalt des Autos gesteckt haben, investieren sie lieber „in ein gutes Leben“, an erster Stelle in regional und biologisch erzeugte Lebensmittel von bester Qualität. Von Verlust kann keine Rede sein und außerdem: „Wir haben ja ein Auto, das steht drei Minuten entfernt am Europaplatz.“ Dort befindet sich die Carsharingstation. Mitglied sind sie seit 1997, das Auto am Europaplatz hatten sie fast für sich allein – heute ist der Parkplatz oft leer, das Auto unterwegs. Carsharing hat die Exotennische verlassen.

Astrid Oberthür und Wilhelm Meister könnten als Vorreiter einer Fahrradmobilität gelten, die alle Lebensbereiche durchdringt. Wenn andere abends um den Block kurven auf der Suche nach einer klitzekleinen Parklücke, schiebt Wilhelm Meister entspannt sein Rad in den Hausflur. Die Wohnung im westlichen Ringgebiet ist strategisch gut gewählt: Innenstadt oder Ringgleis, Schwimmbad oder Tennisplatz, Markt oder Supermarkt, Bahnhof oder Bushaltestelle – alles nur einen Katzensprung entfernt. Der Getränkedienst bringt Flaschen, das Biomobil Gemüse und andere Lebensmittel. Für größere Transporte oder Besuchstouren hin zu Zielen, die nicht mit Bus oder Bahn zu erreichen sind, greift die „strategische Autoplanung“. Für ein Wochenende wird dann ein Mietauto genommen, um alle Erledigungen abzuhaken. „Alles eine Frage der Organisation“, sagt Astrid Oberthür. Auch Fahrgemeinschaften füllen manche Lücke.

„Und dann fahren wir viel Bahn.“ Vielleicht eines der letzten Abenteuer dieser Welt. Platz für acht Fahrräder hat ein ICE. Ohne vorzeitige Buchung laufe deshalb nichts. Geduld, Nerven und eine gewisse Laissez-faire-Haltung, weil trotz Zugausfällen und Verspätungen irgendwann dann doch alles gut wird, seien hilfreich, um als Bahnkunde nicht zu verzweifeln. Fehlt ihnen manchmal das eigene Auto? Die beiden schütteln den Kopf: „Nein, überhaupt nicht.“
Ein anderes Leben als in der Stadt kommt für die beiden nicht infrage. „Mittendrin“, sagt Astrid Oberthür. Mit kurzen Wegen zu Orten und Menschen. Die beiden sind eng vernetzt, vielfältig engagiert. Sie bei Slow Food, er beim ADFC, als Gründungsmitglied von Anti Rost und als einer der Väter des Ringgleises. „Ich war von Anfang an beim Braunschweiger Forum und der Ringgleisentwicklung dabei“, sagt Meister.
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