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Serie "Braunschweig in Bewegung": Einmal tanzen im Quadrat

Beim Square Dance kommen an einem Abend leicht einige Kilometer zusammen – ein schönes Fitnesstraining, egal für welches Alter. Fotos: Nizar Fahem
 
„Star through“ oder einmal abtauchen: Adolf bugsiert mich in die richtige Richtung.

Sport für Kopf und Füße: Square Dance mit den Lion Town Dancers.

Von Birgit Wiefel, 14.03.2018.

Braunschweig. Jan am Mikro kennt keine Gnade. Im Sekundentakt gibt er Kommandos: „Circle to the left, turn your corner by the right, dos-à-dos“. Nach einer Stunde schwirrt der Kopf, nach zwei ist die Luft raus. 20 Anfänger lassen sich schwer auf die Stühle fallen. Ich auch. Doch Jan ist zufrieden: „Klasse!“, lobt er. „Von den 68 Grundfiguren kennt ihr jetzt schon 15.“

Jan Frähmcke ist eigentlich Lehrer für Mathematik und Physik. Doch einmal in der Woche legt er die Kreide zur Seite und macht den Ansager bei den Lion Town Dancers. Die haben sich ganz dem Square Dance verschrieben und tragen seit 36 Jahren die amerikanische Tradition nach Braunschweig. Jeden Freitag ist Clubabend – dann wird der Tanzraum im Schimmelhof zum 51. Bundesstaat der USA. An diesem Abend dürfen ich und andere Neulinge mal hineinschnuppern.

„Das Schöne am Square Dance ist, dass man keinen festen Partner braucht“, schwärmt „President“ Gundula Thomalla. Auch das Alter sei nicht wichtig. Kein Wunder, dass der Tanz boomt: In Europa sind vor allem die Schweden, Dänen und Engländer ganz vorne mit dabei. In Braunschweig wünscht man sich mehr Nachwuchs: „In Süddeutschland haben die Clubs großen Zulauf. Hier blüht der Square Dance eher im Verborgenen“, bedauert Thomalla.

Students statt Schüler

Wie Square Dance funktioniert? Ganz einfach: Vier Paare stellen sich im Quadrat (eben im Square) auf und folgen dem Ansager. Der diktiert die Figuren – mal gesprochen, mal gesungen – übers Mikro. Und weil Square Dance britische und französische Wurzeln hat, ist die Verkehrssprache Englisch, manchmal auch Französisch, und Jan heißt deshalb nicht Ansager, sondern Caller und wir nicht Schüler, sondern Students: „Beim Dos-à-dos müsst ihr Rücken an Rücken umeinander herumgehen“, erklärt er uns. „Beim Right-and-left-grand durchquert ihr den Kreis, indem ihr einmal links und einmal rechts an euren Mittänzern vorbeigeht.“ Das funktioniert in Zeitlupe noch ganz gut. Doch im Galopp zu „Daddy Cool“ enden manche Squares schon nach wenigen Minuten in einem heillosen Knäuel. Macht nichts. Einfach neu aufstellen, und los geht’s von vorne. Zum Glück befinden sich unter den Anfängern auch ein paar Profis. Bevor ich mit einem grübelnden „Äh?“ den ganzen Betrieb aufhalte, bugsieren mich Christian, Katharina und Adolf rechtzeitig und mit sanftem Druck in die richtige Richtung. Square Dance ist Sport für Kopf und Füße.

Amerikanisch-locker

„Viele von uns kommen vom Paartanz, wo es zwischen den Partnern auch mal zu Streit kommen kann, wenn etwas nicht klappt“, weiß Chefin Gundula Thomalla. Beim Square Dance geht es entspannter zu. Einen festen Partner gibt es nicht, der Ton ist locker, alle reden sich mit „Du“ an, – „amerikanisch eben“, sagt Thomalla.
Das heißt aber nicht, dass Cowboystiefel und Westernhemden Pflicht sind. Die werden von den „Boys“ nur zu besonderen Anlässen getragen. Zum Vereinsgeburtstag zum Beispiel, wenn sich auch die „Girls“ mit Rock und Petticoat in Schale werfen. Ebenso wenig wird nur zu Countrymusik getanzt. „Beim Modern Square Dance ist alles okay. Auch Rock und Pop“, macht Gundula Thomalla klar.

„Badges“ und „Dengles“

Das Tolle ist: Wer einmal das Grundprogramm beherrscht, kann weltweit mittanzen. Unterm Eiffelturm genauso, wie in Stuttgart oder Tennessee. Im Gästebuch der Lion Town Dancers haben sich Tänzer aus Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Österreich verewigt. Man fühlt sich verbunden. Aufgehoben in einem Club der „leicht Verrückten“ so President Thomalla lächelnd. Und zu dieser Clubatmosphäre gehört auch, dass die Mitglieder an Rock oder Hemd Namensschilder („Bagdes“) mit kleinen „Fun-Dengles“ tragen – Anhänger, die zeigen, wo der Tänzer bereits zu Besuch gewesen ist, an welcher Veranstaltung er teilgenommen hat.

Neben den vielen, vielen gelaufenen Kilometern, ist das vielleicht das schönste Fazit an diesem Abend: Square Dance ist sagenhaft gesellig. Eine kurze Verbeugung zum Nachbarn, ein fröhliches „Thaaaank youuu!“ zum Abschied – niemand bleibt beim Square Dance lang alleine.


Infos:

• Square Dance steht wie kein anderer Tanz für den „Melting Pot“ USA: Jede Nation hat ihren Teil zu dem Tanz beigetragen. So gibt es Elemente aus dem englischen Morris Dance oder dem Country Dance genauso wie aus der französischen Quadrille. Nach Deutschland kam Square Dance nach dem Zweiten Weltkrieg durch die amerikanische Besatzung.

• Man unterscheidet zwei unterschiedliche Stile: den „Traditional Square Dance“ und den „Western Square Dance“. Während bei Erstem zu festen Figuren und Countrymusik getanzt wird, ist der Western Square Dance offener. Seine Figuren entstehen spontan, die Musik eine Mischung aus Pop, Schlager und Musical. Er wird inzwischen überall auf der Welt getanzt.

•Infos über die Lions Town Dancers unter: www.liontowndancers.
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