Anzeige

„Nicht über die eigenen Kräfte“

Foto vor der Veranstaltung „Pflege vor Ort“: Severin Schmidt, Friedrich-Ebert-Stiftung, Michael Baumgart, Beratungsstelle ambet, Dr. Carola Reimann und Urban Überschär, Friedrich-Ebert-Stiftung (von links). Foto: T.A.

Dr. Carola Reimann im Gespräch zur Pflege.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 04.03.2016.

Braunschweig. „Pflege vor Ort – personenorientiert und menschlich“ hieß das Town Hall Meeting im Gewerkschaftshaus. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte erstmalig zu diesem amerikanischen Format eingeladen; zu den Impulsrednern gehörte auch Dr. Carola Reimann, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion.

Im Gespräch mit der nB erklärte die Braunschweiger Politikerin, warum ihr das Thema „Verbesserung der Pflege“ seit Jahren so auf den Nägeln brennt.
„Mir geht es im Moment vor allem um pflegende Angehörige“, machte sie deutlich. Es sei sehr wichtig, sich in so einer außergewöhnlichen Situation frühzeitig Unterstützung zu holen. „Viele Angehörige warten zu lange, brechen unter der Belastung fast zusammen und werden selber krank“, beschreibt Reimann einen fatalen Kreislauf. „Nicht über die eigenen Kräfte“ heißt ihrer Ansicht nach der wichtigste Satz für Angehörige in der Pflege.

Die erste und beste Adresse sei der vor rund einem Jahr eingerichtete Pflegestützpunkt beim Seniorenbüro, Kleine Burg 4. Angesiedelt beim Fachbereich Soziales und Gesundheit, gibt es hier Hilfe und Informationen zu allen Themen rund um die Pflege.

Die zweite Stufe der Pflegereform ist Anfang des Jahres in Kraft getreten, sie beinhaltet in Kürze: Statt der bisherigen drei Pflegestufen soll es von 2017 an fünf Pflegegrade geben, die neben körperlichen auch geistige und psychische Einschränkungen einbeziehen. Dafür wird ein neues Begutachtungsverfahren eingeführt. Im Verlauf des kommenden Jahres werden alle rund 2,7 Millionen Pflegebedürftigen automatisch neu eingestuft. Menschen mit körperlichen Einschränkungen kommen von ihrer Pflegestufe in den nächsthöheren Pflegegrad, Demenzkranke in den übernächsten.

Das Bundesgesundheitsministerium rechnet damit, dass rund 500 000 Menschen allein durch die neue Einstufung erstmals und viele weitere Pflegebedürftige höhere Leistungen aus der Pflegeversicherung bekommen. Wer im neuen System schlechtergestellt wäre, hat bis zum Lebensende Anspruch auf seine bisherigen Leistungen. Die Kosten für den Umbau von rund 4,4 Milliarden Euro sollen aus den Rücklagen der Pflegeversicherung genommen werden.

Daneben stehen jedem Pflegebedürftigen zehn Tage zu, die er an berufstätige Familienangehörige „verteilen“ kann, nötig ist eine Bescheinigung des Hausarztes, dann zahlt die Kasse 67 Prozent des Nettolohnes. „Das hilft bei der Vereinbarung von Beruf und Pflege“, sagt Reimann. Auch zinslose Darlehen seien möglich, um Pflegezeiten zu überbrücken; sowie eine vollständige (unbezahlte) Freistellung von bis zu drei Monaten für Sterbebegleitung.

„In einer dritten Stufe wird es vor allem um den Quartiersbezug gehen“, sagt Reimann. Es sei bekannt, dass die meisten Menschen auch als Pflegefall in ihrer häuslichen Umgebung bleiben wollten, dafür müssten die Kommunen gestärkt werden. „Zurzeit können die Kommunen beispielsweise eine Neuansiedlung von Altenheimen nicht verhindern“, sagt sie, „da muss es mehr Möglichkeiten zur Steuerung geben.“
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.