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nB auf Reisen: Mais, Graffiti und die Weite der Prärie

Das Tanken ist einfacher als gedacht: Abendhimmel über einer Tankstelle in Mitchell, South Dakota. Fotos: Isabel Kobus
 
Die Weite des Himmels und der Prärie: Landschaft im Pine-Ridge-Indianerreservat.
 
Skurrile Felsformationen: Die Badlands in South Dakota.

Kurz, aber voller Eindrücke: Eine Woche allein mit dem Mietwagen durch den Mittleren Westen der USA und in das Pine-Ridge-Indianerreservat.

Von Isabel Kobus, 27.07.2014.
Eine Woche durch den Mittleren Westen der USA, abseits von Touristenrouten, und dann auch noch allein als Frau – da gab es vorher schon einige skeptische Bemerkungen. Und als ich mich im Mietwagen hinter Chicago durch das Gewirr von Baustellen und Mautstraßen kämpfe, wird mir selber mulmig.

Aber bald schon wird die Straße breiter, der Himmel weitet sich und ich bin glücklich: Endlich in Amerika.
Meine erste Station ist eine Kleinstadt in Illinois. Schöne alte Häuser, aber das Zentrum wirkt ausgestorben. „Hier gibt es kaum noch Läden“, sagt eine junge Frau, „die Leute kaufen sowieso alles im Internet.“ Sie träumt davon, nach Europa auszuwandern – am liebsten Irland.
Am nächsten Morgen spüre ich die Zeitumstellung: Um drei Uhr morgens bin ich hellwach. Wie gut, dass im Motelzimmer eine Kaffeemaschine steht. So kann ich gleich durchstarten: Ich will heute noch bis South Dakota.
Wandbilder aus Mais
Dazu geht es quer durch Iowa: Maisfelder, Maisfarmen, Maissilos. Am Straßenrand reihen sich Plakate mit Anti-Abtreibungs-Slogans, im Radio finde ich nur Bibel-Sender. Die Highway-Raststätten würden jedes Deutschen Neid entfachen – Gratis-Toiletten, Kaffee halb geschenkt und unglaublich freundliche Angestellte. Gegen Abend erreiche ich Mitchell, South Dakota. Hier steht der Corn Palace, der jedes Jahr aufs Neue mit riesigen Wandbildern ausgestattet wird – die bestehen nur aus Maiskolben.
Am nächsten Tag biege ich vom Highway auf die Road 240 ab, die mitten durch die Badlands führt. Skurrile Felsen in allen Höhen und Formen ragen aus der Prärie, so weit das Auge blicken kann: Fast unheimlich, wie in einer anderen Welt. Hier eine Büffelherde, dort ein paar Bighorn-Schafe auf den Felsen.
Als ich abends in dem kleinen Ort Wall in einem Restaurant sitze, beginnt es draußen plötzlich zu rauschen und scheppern, Blitze erhellen den Raum. Ich werde etwas nervös, aber ein paar Männer mit Texashüten, die riesige Pizzas verzehren, beruhigen mich: „So einen Gewittersturm haben wir hier mindestens einmal die Woche. Solange es kein Tornado wird ...“.
Am nächsten Morgen regnet es. Ich besichtige die beiden Haupt-Attraktionen von Wall: das Wounded Knee Museum, in dem die traurige und bewegende Geschichte der Lakota-Indianer erzählt wird, und den Wall Drug. Der Souvenirladen, der 1931 in Depressionszeiten eröffnet wurde, gilt wegen seines erstaunlichen Erfolgs als Inbegriff des „American Dream“ – das meiste hier ist allerdings „Made in China“.
Im Indianerreservat

Als die Sonne wieder herauskommt, fahre ich zum Mount Rushmore (sehr touristisch) und nach Rapid City. Die Stadt ist bunt und hat viel Kunst zu bieten. Junge Indianerinnen führen einen Pow-Wow-Tanz als Performance auf. Eine von ihnen empfiehlt mir eine Fahrt durch das
Pine-Ridge-Indianerreservat. „Das ist unser Land“ sagt sie, „die meisten Touristen kommen da nicht hin.“
Am nächsten Tag beschließe ich, ihrem Rat zu folgen. Meine gute Vorbereitung auf Google Maps erweist sich allerdings als nutzlos: Die angegebene Straße endet an Bahngleisen auf einem verlassenen Industriegelände. Nach einem einstündigen Umweg gelange ich endlich in die südlichen Badlands, die schon Teil des Pine Ridge Reservats sind. Während im Norden der Badlands die Touristen von Aussichtsplattformen auf die Landschaft gucken, picknicken hier indianische Familien zwischen den Felsen.
An der Gedenkstätte von Wounded Knee besichtige ich den Indianerfriedhof. An diesem Ort hat im Jahr 1890 eine US-Armee 300 Indianer ermordet (siehe Artikel unten). Eine Lakota-Indianerin verkauft Schmuck an einem Stand. Sie erzählt, dass sie jede freie Minute zum Knüpfen der bunten Ketten und Ohrringe nutzt, die aus Glasperlen, Stein und Horn bestehen und alle eine mythische Symbolik enthalten. „Hier ist es oft so, dass die Männer trinken und die Frauen arbeiten“, sagt sie und grinst: „Aber das gibt es ja woanders auch.“
In Pine Ridge, dem Hauptort des Reservats, sind die Häuser mit Graffiti geschmückt. Auf den Ladeflächen alter Pickup-Trucks sitzen junge Leute und machen Musik. Hier würde ich gerne bleiben, aber die Dämmerung naht und der Weg ist noch weit.
Archaische Gegend
Die Strahlen der Abendsonne tauchen die endlose Prärie in dramatisches Licht. Das Gras schimmert in tausend Grün- und Gelbtönen. Die meisten Siedlungen im Reservat bestehen nur aus Baracken. Die Autos, die hier fahren, wären bei uns längst auf dem Schrottplatz gelandet. Die Gegend hat etwas faszinierend Archaisches an sich. Den letzten Teil der Strecke fahre ich im Stockfinstern – keine Straßenlaternen, kein Haus, und eine ganze Stunde lang begegnet mir kein einziges Auto.
Am nächsten Tag muss es wieder Richtung Chicago gehen. Die Fahrt führt mich durch Minnesota und Wisconsin. Minnesota hatte im Jahr 2011 als erster US-Bundesstaat eine Staatspleite – wohl der Grund, weshalb hier die Straßen voller Schlaglöcher sind, in den Orten fehlen Markierungen und Schilder. In Wisconsin mache ich Pause in La Crosse. Die historische Stadt am Mississippi ist vom Kulturenmix geprägt: Die Gründer kamen aus Frankreich, im Kloster beten die Schwestern Franz von Assisi an und Bier wird nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. „Typisch Amerikanisches“ gibt es dafür in Wisconsin Dells, meiner letzten Station. Die kleine Stadt ist ein einziger Vergnügungspark, bunt und schrill, gigantische Achterbahnen ziehen sich über die Hügel und vor lauter Fast-Food kann man sich kaum retten. In Illinois dann wieder Baustellen. Trotz einer Flut von Warnschildern („Das Überfahren eines Straßenarbeiters wird mit mindestens 14 Jahren Gefängnis bestraft“), bin ich die Einzige, die sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung hält. Ich habe es allerdings nicht eilig, denn eigentlich würde ich gerne noch eine Woche auf amerikanischen Straßen herumtouren. Die Reise war zu kurz, da hatten meine Freunde recht. Aber gelohnt hat sie sich auf jeden Fall.

Tipps: Badlands: Road 240 führt von Kadoka nach Wall durch den Nationalpark. Infos gibt es im Ben Reifel Visitor Center südlich von Kadoka
Wall: Das Wounded Knee Museum informiert über die Geschichte der Lakota-Indianer und das Massaker von Wounded Knee
Rapid City: Dahl Arts Center mit Ausstellungen von lokalen Künstlern; Prairie Edge Shop mit indianischer Kunst und Souvenirs
Mitchell: Corn Palace mit Mais-Wandbildern
Pine Ridge Reservation: Von Rapid City über die Straße 44 oder von Norden (Kadoka) oder Süden (Highway 18) über die Straße 83.
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