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„… einfach eine schöne Zeit“

Die Zeit in der Gruppe ist für Klaus Bartsch eine gute Zeit. Am Vormittag haben er und die anderen Gemüse fürs Mittagessen geputzt, jetzt steht kreatives Arbeiten an. Fotos: Marion Korth
 
Die Caritas-Nachbarschaftshilfe in der Böcklerstraße.

In den ambulanten Betreuungsgruppen der Caritas können Demenzkranke sein, wie sie sind.

Von Marion Korth, 19.08.2016.

Braunschweig. Die Hand mit dem Pinsel verharrt über den Näpfen mit den Farben. „Zeichnen war schon in der Schule nicht meine Stärke“, sagt Klaus Bartsch (76) und entscheidet sich dann doch wieder für Rot. Zu Kreisen in Apfelgrün und Gelb und dicken Linien in Türkis zieht er einen feinen Strich am Bildrand. Fertig. „Olympia“ soll der Titel des Werkes sein. „Die Farben haben mich an Brasilien erinnert“, sagt Bartsch. Er ist an Demenz erkrankt.

Kreatives Arbeiten ist ein regelmäßiges Angebot in den Betreuungsgruppen für Demenzkranke der Nachbarschaftshilfe des Caritasverbandes. Und Spielen und Kochen und Gymnastik und was den Betreuern sonst noch einfällt. Ist das Wetter besonders schön, dann wird der ganze Plan vielleicht auch über den Haufen geworfen und die Gruppe geht hinaus, spaziert durch den Park des Altenheimes nebenan oder kegelt ein paar Runden unter freiem Himmel. „Es darf nicht überfordern, aber langweilig sein darf es auch nicht“, sagt Gruppenleiterin Astrid Meyer.

Am Vormittag haben die fünf Frauen in der Gruppe und die beiden Männer das Gemüse für die Suppe, die es zum Mittag gibt, vorbereitet. Sie zählen auf, was genau: Sellerie, Mohrrüben, Kohlrabi, Lauch – die Erinnerung daran ist noch da. Die Handgriffe fürs Gemüse putzen und schneiden haben besonders die Frauen verinnerlicht. „Was vor langer Zeit gelernt wurde, wird auch nicht vergessen“, sagt Sozialarbeiter Detlef Stefan Folwaczny. Oder nicht so schnell. „Wir lassen die Menschen, wie sie sind“, sagt Astrid Meyer. Kein Druck, kein schulmeisterlicher Ton. Sie schätzt die einzelnen Persönlichkeiten, die verschiedenen Charaktere, die trotz der Krankheit bestehen bleiben. Die Arbeit in der Gruppe bedeutet ihr viel. „Diese Fröhlichkeit und Herzlichkeit – ich bekomme hier ganz viel zurück“, erzählt sie.

Am Tisch wird laut gelacht, eine der Frauen beginnt zu singen: „Hoch soll er leben, …“ Geburtstag hat heute niemand von ihnen, aber alle stimmen mit ein und prosten sich hinterher mit Wasser oder Orangensaft zu. „Diese Gruppe ist besonders musikalisch“, sagt Astrid Meyer. „Wenn wir Musik machen und singen, dann wird oft auch getanzt.“
Erinnerungen wachhalten, Wertschätzung vermitteln, Gemeinschaft pflegen, darum geht es in den Gruppen. „Den Menschen eine schöne Zeit geben“, so beschreibt es Folwaczny.

Klaus Bartsch kommt zwei Mal in der Woche – dienstags und mittwochs. „Mein Mann freut sich immer schon sonntags darauf“, sagt Magdolna Bartsch-Selinga. Dass sie als Ehefrau und pflegende Angehörige an diesen Tagen Zeit für Erledigungen hat, auch einmal in die Stadt fahren kann, ist für sie eher Nebensache. „Ich weiß, dass es ihm dort gut geht und dass er sich wohlfühlt, das ist das Wichtigste für mich“, sagt sie. Im Kreis mit Menschen, die die gleiche Krankheit haben, fühle er sich aufgehoben und vollwertig.

Als sie vor sieben Jahren erfuhr, dass ihr Mann unter Demenz leidet, brach zunächst eine Welt zusammen. „Heute lebe ich damit“, sagt Magdolna Bartsch-Selinga. Ihre Gebete wurden erhört und sie dankt Gott dafür, dass die Krankheit nur langsam voranschreitet. Mittlerweile weiß sie, worauf es im Umgang mit ihrem Mann ankommt: „Viel Geduld und viel Verständnis.“

INFO

Die ambulante Betreuung für Demenzkranke ist ein Angebot der Nachbarschaftshilfe des Caritasverbandes Braunschweig. Am Dienstag, Mittwoch und Freitag treffen sich die Mitglieder der Betreuungsgruppen. Jede Gruppe ist ein fester Kreis und wird von jeweils zwei Betreuern begleitet. Zwischen 9.30 und 13 Uhr ist Zeit, um gemeinsam zu singen, zu erzählen, für Gedächtnisspiele oder um zu basteln.
Nach dem Pflegestärkungsgesetz, das am 1. Januar 2015 in Kraft getreten ist, können (je nach Schwere der Erkrankung) monatlich bis zu 104 oder 208 Euro als zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen gezahlt werden – zum Beispiel für die ambulante Betreuung.
Bei der Caritas sind derzeit in allen drei Gruppen noch Plätze frei (Höchstteilnehmerzahl neun). Informationen gibt Sozialarbeiter Detlef Stefan Folwaczny unter Telefon 7 57 27. m
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