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„Bei uns war das Thema tabu“

Junge Türkinnen schrieben ein zweisprachiges Aufklärungsbuch für Kindergartenkinder.

Von Birgit Leute, 29.07.2012.

Braunschweig. Eine Thema, um das sich nicht nur deutsche Eltern gerne drücken. „Ich konnte zu Hause über Sexualität nicht reden“, sagt die Türkin Esma Demir. Jetzt soll ein zweisprachiges Aufklärungsbuch für Kindergartenkinder helfen.

Esma, Pädagogikstudentin an der TU, 21 Jahre alt und eine selbstbewusste junge Frau, hat selbst an dem Buch mitgearbeitet. Die Idee ist in Deutschland bislang einmalig. „Im Prinzip gibt es zwei Probleme: Türkische Eltern, die nicht gerne aufklären, und deutsche Erzieher, die nicht wissen, wie sie in interkulturellen Gruppen damit umgehen sollen“, sagt Leyla Simsek-Yilmaz vom städtischen Büro für Migrationsfragen. Ihr Referat hat vor eineinhalb Jahren das Projekt „SexI – Sexualerziehung interkulturell“ gestartet, in dessen Zusammenhang auch das jetzt erschienene Buch entstanden ist.
Esma erinnert sich noch gut an die Zeit als türkischer Teenager in Deutschland. „Ich begann mich genauso für Jungs und Sexualität zu interessieren wie deutsche Mädchen, aber die Aufklärung habe ich mir in der Schule besorgt.
Zu Hause war das Thema tabu, und ich wusste, dass ich meine Eltern mit solchen Fragen in Verlegenheit bringe“, erzählt sie rückblickend. Doch: Wie rigide ist der Islam eigentlich in Bezug auf das Thema? Diese Frage beschäftigt vor allem deutsche Erzieher und Lehrer, die täglich mit gemischt-kulturellen Gruppen zu tun haben. „Manche Erzieher verzichten zum Beispiel von vornherein darauf, Mädchen und Jungen im Kindergarten nackt planschen zu lassen, weil sie die Reaktionen der Eltern befürchten“, erzählt Simsek-Yilmaz.
Auch mit diesen Unsicherheiten will das Projekt aufräumen. Viele Gespräche wurden im Vorfeld geführt: mit Pädagogen, türkischen Kindern, deren Eltern und der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs. Das erstaunliche Ergebnis: So groß ist der Unterschied zwischen den Kulturen gar nicht. „Im Koran ist Sexualität kein Tabu. Ganz im Gegenteil: Er sieht es sogar als Pflicht der Eltern an, ihre Kinder aufzuklären“, berichtet Muhammed Cesur von Milli Görus. Genauso werden Verhütung oder Sex vor der Ehe angesprochen. „Selbst die türkische Eltern in unserer Gemeinschaft waren erstaunt – und erleichtert“, erzählt Cesur.
Das Buch mit dem Titel „Ben birsey kesfettim – Ich habe etwas entdeckt“ richtet sich an Familien mit Kindergartenkindern, will ihnen helfen, sich an das Thema heranzutasten: Mit einfachen Worten und hübsch verpackt in einer Zeichengeschichte.
An den Berufsbildenden Schulen V arbeiten bereits angehende Erzieherinnen damit. Doch wenn es nach Esma und den anderen 13 türkischen Autorinnen ginge, würde es bald auch eine Fortsetzung geben: Für Teenager – „die haben noch einmal ganz andere Fragen“, weiß Esma.
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